Castorfs wilder Stil könnte die in feinen Roben mit Fernglas und Klavierauszug auf dem Schoß im Bayreuther Festspielhaus sitzenden Herrschaften erschrecken - und das beim Jubiläums-"Ring", mit dem der 200. Geburtstag von Richard Wagner gefeiert wird.

In einem Punkt wird der Intendant der Berliner Volksbühne auf jeden Fall keine Probleme mit dem Bayreuther Publikum bekommen: Castorf ist berühmt und berüchtigt für seine überlangen Theaterabende mit locker mal fünf Stunden Dauer. Sitzfleisch versteht sich bei Wagner-Opern aber von selbst.

Besonders viel Opernerfahrung hat Castorf nicht. In Basel inszenierte er 1998 Verdis "Othello". Vor fünf Jahren brachte er bei den Wiener Festwochen Wolfgang Rihms Kammeroper "Jakob Lenz" auf die Bühne. Wagner näherte sich Castorf im Jahr 2006 thea tralisch: In Berlin zeigte er die "Meistersinger von Nürnberg" mit Schauspielern und einem "Chor der werktätigen Volksbühne" - vermengt mit Textbrocken aus Ernst Tollers Revolutionsdrama "Masse - Mensch", einem mit der Maschinenpistole um sich feuernden Walther von Stolzing und einem kotzenden Trojanischen Pferd.

Die alten Stücke sollen auch dem Menschen von heute etwas sagen, lautet die Devise von Castorf, der seit 21 Jahren Intendant der Berliner Volksbühne ist und dessen Vertrag dort noch bis zur Spielzeit 2015/16 läuft. Deshalb sind in seinen Inszenierungen immer aktuelle Bezüge und reichlich Gesellschaftskritik zu finden.

Castorf wurde am 17. Juli 1951 als Sohn eines Eisenwarenhändlers in Ost-Berlin geboren. Als Außenseiter in der DDR-Theaterprovinz machte er früh auf sich aufmerksam.

Nach einem Studium der Theaterwissenschaften ging er als Dramaturg zum Theater der Bergarbeiter in Senftenberg. Anfang der 80er-Jahre machte er mit frechem, oppositionellem Theater in Anklam Furore. Seit 1989 inszenierte Castorf auch in Westdeutschland. 1992 wurde er Intendant der Volksbühne.