Von Harriet Stürmer

Es will einem nicht so recht in den Kopf, dass dieser Mann ein Mörder sein soll. Mit leiser Stimme antwortet er auf die Fragen des Richters. Gibt sich schüchtern. Und geläutert, hält den Kopf fast ununterbrochen gesenkt. „Ich habe sie geliebt“, sagt er kleinlaut. „Ich komme heute noch nicht damit klar, dass ich sie umgebracht habe.“ Dabei hatte er sich doch geschworen, diese Frau nie zu verletzen.

Es ist das Jahr 2006, als zwischen Julia R. und Danilo R. eine Liebesgeschichte beginnt, von deren tragischem Ende damals freilich keiner von beiden etwas ahnt. Anfangs sind sie ein ganz normales Paar – verliebt und glücklich. Schon bald leben sie in einer gemeinsamen Wohnung in Eberswalde. Auch über Hochzeit und Kinder wird gesprochen. Doch im sechsten Jahr will es einfach nicht mehr hinhauen. Immer öfter gibt es nun Streit. Und Gründe gibt es viele: Mal geht es um seine unerträgliche Eifersucht, mal um sein Kontrollverhalten oder aber um seinen Drogen- und Alkoholkonsum, der nicht selten in Aggressivität mündet, mal um seine Seitensprünge. Als sie schließlich ein heimliches Liebesverhältnis zu einem anderen Mann beginnt, ist das Glück von einst nicht mehr festzuhalten. Es kommt zur Trennung.

Danilo R. hat schwer zu knabbern an diesem Umstand. Er zieht nach Biesenthal. Als er Julia seinen alten Wohnungsschlüssel bringen soll, eskaliert die Situation. Der junge Mann packt die ehemalige Freundin und nimmt sie wie von Sinnen in den Schwitzkasten – es vergehen Minuten, bis seine Schwester und eine Bekannte ihn dazu bringen können, von Julia abzulassen. Julia ist inzwischen blau angelaufen, aber nicht lebensbedrohlich verletzt. Und sie verzeiht ihm. Schickt ihm sogar einen Liebesbrief ins Gefängnis. Als R. frei kommt, treffen sich die beiden wieder regelmäßig. Doch kein halbes Jahr später eskaliert die Situation erneut. Diesmal aber kommt jede Hilfe für Julia zu spät.

Es ist der 27. Februar 2012, als Danilo R. seine einstige Freundin in einer Filiale der Modekette Takko in Eberswalde besucht. Die angehende Erzieherin arbeitet dort nebenbei. Nur drei Wochen zuvor hatte sie mit R. per SMS Schluss gemacht. Dieses Mal sollte es endgültig sein. Immer öfter trifft sich Julia inzwischen mit dem anderen. Aus der einst heimlichen Liebelei soll etwas Ernsteres werden. Davon bekommt nun auch R. Wind. Als er beobachtet, wie jemand das Licht in Julias Wohnung an- und wieder ausschaltet, wird ihm klar, dass der Neue bei ihr bereits ein- und ausgeht. R. weiß, dass Julia selbst zu dieser Zeit noch auf Arbeit ist. Voller Hass läuft er zu ihr. Er hat ein Messer bei sich – das braucht er normalerweise für die Arbeit; nun zieht er es aus dem Rucksack und betritt die Takko-Filiale. 30 Mal sticht der 28-Jährige auf die 23-Jährige ein. Zuletzt rammt er ihr die Klinge voller Wut ins linke Auge und lässt sie dort stecken. Dann flüchtet er. Julia R. kämpft um ihr Leben.

Ein Kollege hatte die Szenerie beob­achtet, sich völlig verängstigt im Lagerraum versteckt und die Polizei alarmiert. Als die Beamten am Tatort eintreffen, finden sie die junge Frau blutverschmiert am Boden vor. Sie röchelt. Minuten später gibt ihr Körper auf. R. ist indes zu seiner Mutter gelaufen. Dort ruft er selbst die Polizei und wartet auf seine Festnahme. Er legt sich in den Flur – auf den Bauch, die Hände auf dem Rücken. So treffen ihn die herbeigerufenen Beamten an.

Mitte August 2013 beginnt der Prozess vor dem Landgericht Frankfurt (Oder). Unter den zahlreichen Zeugen ist auch der Sachverständige Martin Heinze. Sein psychiatrisches Gutachten steht im Mittelpunkt des vierten Verhandlungstages, der sich schnell als einer der spannendsten entpuppt. Heinze, Chefarzt der Abteilung Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in der Immanuel-Klinik in Rüdersdorf, bescheinigt dem Angeklagten eine schwere Persönlichkeitsstörung, die er auf die familiäre Vernachlässigung in dessen ersten beiden Lebensjahren zurückführt. Er könne nicht über Gefühle sprechen und zeige Züge von Selbsthass, weil er sich wegen seiner Lese- und Rechtschreibschwäche schäme.

In der frühkindlichen Entwicklungsphase sei die Präsenz der Mutter sehr wichtig, erläutert der Psychiater vor Gericht. Sie sei jene Person, die dem Kind Ängste nehmen und ihm das Gefühl von Sicherheit geben könne. Im Fall des Angeklagten habe dies jedoch nicht stattgefunden. Heinze nennt ein Beispiel: „Ich habe selten so ein großes Desinteresse der Mutter an der schulischen Entwicklung ihres Kindes erlebt.“ Die Mutter hatte zuvor als Zeugin ausgesagt, von den schulischen Problemen ihres Kindes nichts bemerkt zu haben. Vermutlich habe sie als langjährige Partnerin eines alkoholkranken Mannes selbst kein einfaches Leben gehabt, stellt der Psychiater in den Raum.

Danilo R. war schon in der Pubertät mit Drogen in Kontakt gekommen und schnell ins kleinkriminelle Milieu abgestürzt. Er stand immer wieder vor Gericht, unter anderem wegen Diebstahls und Körperverletzung. Doch als er Julia kennenlernte, wendete sich sein Leben. Durch sie habe er die nötige Stabilität erfahren, berichtet Heinze. „Sie hat ihm großen Halt gegeben.“ Die Trennung habe in ihm enorme Existenzangst hervorgerufen.

Für Martin Heinze steht fest, dass R. im Affekt handelte und im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit, der sich auf seine Persönlichkeitsstörung stützt. Er sei extrem eifersüchtig auf den Nebenbuhler gewesen und vor der Filiale förmlich von Hassgefühlen überschwemmt worden. Heinze empfiehlt die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus und eine mehrjährige Therapie.

 Die Richter folgen der Einschätzung Heinzes. Im Oktober 2013 fällen sie ihr Urteil. Sie stufen die brutale Messerattacke als Mord im Affekt ein – und gehen dabei von einer verminderten Schuldfähigkeit aus. Von der eigentlich bei Mord fälligen lebenslangen Freiheitsstrafe weichen sie deshalb ab und verhängen eine Haftstrafe von zwölfeinhalb statt 15 Jahren. Den vorangegangenen Angriff auf Julia bei der Schlüsselübergabe im September 2012 wertet das Gericht als versuchten Totschlag. In Summe werden die Taten mit der höchstmöglichen Gesamtfreiheitsstrafe von 15 Jahren geahndet.

Dennoch muss Danilo R. vorerst nur fünfeinhalb Jahre absitzen. Nach dieser Zeit soll laut Gerichtsbeschluss ein Aufenthalt in einer Entziehungsklinik folgen. Die dortige Therapie wegen R.s übermäßigen Alkoholkonsums kann höchstens zwei Jahre dauern. Danach wird entschieden, ob R. sofort frei kommt oder zunächst zurück in den Strafvollzug muss.