Der eigenen Regierungsarbeit stellen die Autoren ein vernichtendes Zeugnis aus: "Politische Entscheidungen der vergangenen Jahre, die diese Entwicklung bewirkt beziehungsweise verstärkt haben, müssen korrigiert werden." Für einen "starken Sozialstaat" seien "gerechtere Steuern und eine sozialdemokratische Arbeits- und Arbeitsmarktpolitik" notwendig.
Der Aufruf trägt die Unterschriften von 60 Sozialdemokraten. Darunter sind zahlreiche Gewerkschafter mit SPD-Parteibuch. Ein Drittel der Unterzeichner gehört dem Bundestag an. Zu ihnen zählen die ehemalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin sowie die SPD-Vorstandsmitglieder Hilde Mattheis und Ottmar Schreiner (siehe Interview).
Nach Angaben Schreiners versteht sich der Aufruf als "Beitrag zur anstehenden Diskussion über das Wahlprogramm" der SPD. Eine erste Weichenstellung dafür wird bereits am Sonntag im brandenburgischen Werder (Potsdam-Mittelmark) erwartet. Dort will die Parteispitze auf einer Klausur eine "inhaltliche Orientierung" für den weiteren Kurs geben.
Bei den konkreten Forderungen steht der Aufruf zum Teil im offenen Widerspruch zur derzeitigen SPD-Politik. So plädieren die Parteilinken für eine Zurücknahme der Rente mit 67, eine Anhebung der Hartz-IV-Regelsätze, die Abschaffung der Praxisgebühr bei Arztbesuchen sowie für eine "Aussetzung" des Gesundheitsfonds. Zu den arbeitsmarktpolitischen Forderungen zählen neben der Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns die "Beschränkung" von Leiharbeit sowie eine "Umwandlung der Ein-Euro-Jobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse".
Durch das Positionspapier der Linken ist bei den Sozialdemokraten erneut ein politischer Richtungskampf aufgeflammt. Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Wend, griff sogar den Vorsitzenden persönlich an: "Auf diese Weise führt uns Kurt Beck direkt in die Opposition."