Sie sind irgendwie ratlos. Aber gespannt. Bis zum Zerreißen gespannt. Als um kurz nach 18.30 Uhr die zweite Hochrechnung über die großen Bildschirme im Willy-Brandt-Haus flimmert, da verheißen die Daten einen hauchdünnen Sitzvorsprung für CDU und FDP im niedersächsischen Landesparlament. "Scheiße", ruft ein Genosse entgeistert aus.

"Lass man", kontert sein Nachbar, "noch ist nicht aller Tage Abend". Ein paar Hundert Sozialdemokraten und Sympathisanten haben sich im Atrium der Berliner Parteizentrale versammelt.

Am Buffet gibt's Flammkuchen, Kartoffel-Möhren-Suppe und Makrelen-Brötchen. Doch seit via TV eine Zahlenkolonne die andere jagt, hat dafür keiner mehr einen Blick. Lag's doch am Kanzlerkandidaten, dass es am Ende vielleicht nicht reicht? "Man kann nicht alles auf Steinbrück schieben", wehrt ein altgedienter SPD-Bundestgsabgeordneter die Frage ab. "Wir haben zugelegt, aber wohl nicht genug."

Wenige Tage zuvor hatten Gerüchte die Runde gemacht, der glücklose Steinbrück könnte womöglich die Brocken hinschmeißen, wenn die SPD an der Leine richtig absäuft. Doch so schlimm wird`s nicht. Schon kurz nach Schließung der Wahllokale verkündet Generalsekretärin Andrea Nahles eine Art Bestandsgarantie für den Kandidaten. "Selbstverständlich" werde er das auch weiter bleiben, sagt Nahles in der ARD. Bereits am Nachmittag hatten sich Steinbrück, Parteichef Sigmar Gabriel, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sowie Parteivize Manuela Schwesig und Nahles im fünften Stock der SPD-Zentrale eingefunden, um die Lage zu sondieren und die Sprachregelung für ihre spätere Interpretation abzustimmen.

Ein Schlüsselbegriff heißt "Rückenwind". Die SPD habe sich stabil gehalten, aber von Berlin habe es "keinen Rückenwind" gegeben, sagt Nahles vor Kameras und Mikrofonen. Bei Gabriel klingt es hernach ganz ähnlich: "Rückenwind haben wir nicht gegeben."

Natürlich ist das auf Peer Steinbrück gemünzt. Über dessen jüngste Betrachtungen zu Kanzlergehalt oder Weinpreisen haben viele Genossen die Nase gerümpft.

Das weiß natürlich auch der Kandidat selbst. Er steht jetzt auf der Bühne im Atrium neben Gabriel, hat die Mundwinkel nach unten gezogen, und sagt etwas gedrechselt: "Mir ist sehr bewusst, dass ich maßgeblich eine gewisse Mitverantwortung trage."

Allerdings, und das ist Steinbrücks Glück und auch das der SPD, das vorläufige Wahlergebnis macht Hoffnung. Hoffnung, dass es doch bei der Bundestagswahl mit Rot-Grün klappt. Ein Regierungswechsel, ein Machtwechsel sei möglich, so Steinbrück.

Und dann kommt die verabredete Vokabel etwas variiert auch aus seinem Mund: Das Resultat in Niedersachsen "gibt uns durchaus einen gewissen Rückenwind".

Dass dem so ist, haben die Genossen vor allem den Grünen zu verdanken. Sie haben mit Abstand den größten Sprung nach von gemacht. Seine Partei und die SPD hätten soviel dazugewonnen, wie CDU und FDP verloren hätten, rechnet Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin vor. "Wenn uns das bei der Bundestagswahl gelingt, dann war's das für Schwarz-Gelb."

Ganz ähnlich denkt auch Gerhard Schröder, der den Grundstein für seine Kanzlerschaft 1998 mit der damals von ihm gewonnenen Niedersachsen-Wahl gelegt hatte. "Wir können aufholen", so Schröder via Fernsehen. An diesem Sonntag wird es freilich noch ein langer Abend zwischen Hoffen und Bangen. Nur für die Linkspartei ist er schon frühzeitig gelaufen. Mit einem Resultat klar unter fünf Prozent. Parteichef Bernd Riexinger räumt ein: "Das Ergebnis ist für uns schmerzhaft."