Offen würde derzeit wohl kein Sozialdemokrat gegen die neue Parteispitze stänkern. Dazu ist der Schock über die hausgemachte Kapitulation von Kurt Beck noch zu frisch. Das Unbehagen, Becks Abgang könnte einen Führungsstil wieder beleben, den die Partei quer durch alle Lager schon einmal gründlich satt hatte, lässt sich allerdings kaum kaschieren. Ein "Zurück zur Basta-Politik" dürfe es nicht geben, sagte der SPD-Linke Niels Annen. Sein Wunsch zielte offenbar weniger auf Schröder, der seine Partei immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt hatte, sondern auf Franz Müntefering, dem diese Eigenschaft genauso anhängt. Noch am Montag versprach der designierte Vorsitzende, es werde keine personellen Veränderungen an der SPD-Spitze geben. Doch schon am Tag darauf beschloss der Sauerländer die Berufung seines Vertrauten und derzeitigen Staatssekretärs im Arbeitsministerium, Kajo Wasserhövel, zum Bundesgeschäftsführer. Der Name hatte bereits vor drei Jahren Turbulenzen in der SPD ausgelöst. Münteferings Entscheidung bedeutet eine weitgehende Entmachtung von Generalsekretär Hubertus Heil, der nun die Wahlkampfleitung an Wasserhövel abtreten muss.
Bereits am Wochenende gab es Spekulationen, ob Heil seinen Job als Generalsekretär verliert. Im Herbst 2005 hatte ihn der Kurzzeit-Vorsitzende Matthias Plat zeck, Brandenburgs Ministerpräsident, in dieses Amt geholt. Unmittelbar zuvor war Müntefering überraschend vom Chefposten zurück getreten. Heil war daran nicht ganz unbeteiligt. Und das kam so: Im Herbst 2005 wollte Müntefering seinen Intimfreund Wasserhövel schon einmal befördern, und zwar zum SPD-Generalsekretär. Doch das missfiel nicht nur den Parteilinken, die dafür ihre Frontfrau Andrea Nahles vorgesehen hatten, sondern auch den "Netzwerkern", einem pragmatisch orientierten SPD-Flügel, dem Heil bis heute angehört. Damals war Wasserhövel Bundesgeschäftsführer, der einen exzellenten Ruf als Wahlkampfmanager genoss, aber als möglicher Generalsekretär den Makel besaß, nur ein "Statthalter" des künftigen Vizekanzlers Münteferings zu sein. Am deutlichsten wurde seinerzeit der thüringische SPD-Chef Christoph Matschi: "Wir brauchen keinen Regierungssprecher im Willy-Brandt-Haus." Doch Müntefering ließ sich nicht beirren. So kam es im Parteivorstand zu einer Kampfabstimmung Nahles kontra Wasserhövel, die die Parteilinke für sich entschied, was Müntefering postwendend zum Rückzug veranlasste. Die Stimmen der "Netzwerker" für Nahles organisierte damals Heil.
Die Sorge um Münteferings Integrationsfähigkeit treibt nicht nur die Parteilinke um. Auch der konservative Seeheimer Kreis warnte den designierten Vorsitzenden vor einsamen Beschlüssen: Müntefering müsse "jetzt so klug sein, die gesamte Partei einzubeziehen, und nicht den Anschein erwecken, dass er den Kurs autoritär bestimmt", erklärte Susanne Kastner. Nach Einschätzung der Bundestagsabgeordneten war dieser Umstand "das Trauma der SPD-Linken unter Schröder".

Zum Thema Liberale Spekulationen
 Nach dem Führungswechsel bei der SPD hat eine Reihe von Liberalen ein Bündnis mit den Sozialdemokraten im Bund ins Gespräch gebracht. Dies sei nun wieder eine Option , machten unter anderen der Berliner FDP-Vorsitzende Markus Löning und Schleswig-Holsteins FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki gestern deutlich. Sie forderten von der SPD aber zugleich, einen Kurs der Mitte einzuschlagen und dabei etwa auf eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei zu verzichten.