Es ist nicht die leichte Muse. Wolfgang Dauner und Albert Mangelsdorff sind schließlich Altmeister des Jazz. Ihr Stück, das sie auf der Bühne des Berliner Tempodrom an Klavier und Posaune zelebrieren, ist ein Auf und Ab der Töne. Wahrscheinlich hat sich Generalsekretär Olaf Scholz im Vorfeld der großen Festveranstaltung "140 Jahre SPD" bewusst für die beiden Herren entschieden. Symbolisiert ihr Spiel doch irgendwie die Geschichte der Partei, eine Geschichte zwischen Aufbruch und Rückschlag, Werten und Wandel.

Nachdenklich und richtungsweisend
Gediegen und gedämpft geht es zu bei den Sozialdemokraten, dem Anlass und der aktuellen Stimmung entsprechend. "Erneuerung hat bei uns Tradition" steht auf der großen Leinwand im Hintergrund, während Dauner und Mangelsdorff versuchen, vor den rund 2000 illustren Gästen das Motto in tragende und schwermütige Musik umzuwandeln. Selbst die ostdeutsche Band "Die Prinzen" beschränkt sich diesmal auf ihre stimmlichen Qualitäten und verzichtet gänzlich auf das ansonsten von ihr gewohnt Poppige. Die alte Tante SPD will in Würde ihren 140. Geburtstag feiern - ein bisschen nachdenklich zwar, aber vor allem mit richtungsweisenden Worten. Zuständig dafür ist der Parteivorsitzende und Bundeskanzler Gerhard Schröder. Wer sonst. General Olaf Scholz bleibt in seiner Rede der Blick in die Geschichte der SPD, die auch noch mal in einem zehnminütigen Film abgespult wird.

Oskar nur als Pappkamerad
Schröder sitzt neben Ehefrau Doris und Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis in der ersten Reihe, zwei Plätze weiter sieht man den ehemaligen Kanzlerberater Egon Bahr. Einer der engsten Weggefährten von Willy Brandt, dessen politisches Erbe auch bei dieser Feierstunde zu spüren und zu hören ist. Rechts vom Kanzler sitzt Hans-Jochen Vogel, der vor Beginn des Festaktes pausenlos Interviews gibt und Schröder in den höchsten Tönen lobt. Er ist der einzige Vorgänger des Niedersachsen als Parteichef, der im Tempodrom mitfeiert. Björn Engholm ist verreist, Rudolf Scharping auch nicht anwesend, weil seine Mutter gestorben ist. Und der unerwünschte Oskar Lafontaine hat sich nicht eingeschlichen. Ihn sieht man nur vor der Halle, wo Oskar der einströmenden Prominenz von einem treuen Anhänger als Pappkamerad präsentiert wird. Besonders bejubelt werden bei der Begrü ;ßung die Altvorderen, viel Applaus von den Genossen erhält auch der ehemalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow, einer von zahlreichen internationalen Gästen.
Gerhard Schröder läuft sich warm, Kraft und Optimismus will er versprühen. Stolz sei er, sagt der Kanzler, auch in den schweren Zeiten die SPD führen zu dürfen. Das kommt gut an. Er nutzt seine Rede mit ein bisschen Geschichte und ziemlich viel Agenda 2010 jedoch eher zur Generalprobe für den Auftritt auf dem Sonderparteitag am 1. Juni. "Wir haben Fehler gemacht", ruft der Kanzler, "meist, weil wir zu zögerlich waren." Pessimismus habe es in der SPD immer wieder gegeben "und wir waren immer fähig, das zu überwinden".
Gleich mehrfach mahnt er Veränderungsbereitschaft an, "entweder wir modernisieren uns oder wir werden modernisiert", appelliert Schröder. "Einigkeit macht stark", fordert er schließlich Geschlossenheit, "der ehrenhafteste Platz der Sozialdemokraten ist nicht in der Opposition zu finden." Viel Applaus erhält der SPD-Vorsitzende für seine Worte.
Klar, dass CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer und FDP-Chef Guido Westerwelle, die auch unter den Gästen sind, hingegen keine Hand rühren. Ottmar Schreiner, linker Widersacher des Kanzlers, hat ebenso während der Schröder-Rede Klatschprobleme. Gleiches gilt für DGB-Chef Michael Sommer - "ich bin in feierlicher Stimmung" - und verdi-Vorsitzender Frank Bsirske, beide erbitterte Gegner der Agenda 2010. Mal sehen, ob sie wirklich "Freunde bleiben", wie der Kanzler ihnen und wohl auch seiner Partei zuruft.