Innenminister Thomas de Maizière (CDU) wie auch Unionsfraktionschef Volker Kauder und der konservative Teil der Union halten ein Einwanderungsgesetz jedoch für komplett überflüssig, weil schon jetzt viele Menschen nach Deutschland kommen. In SPD-Kreisen hieß es hingegen, ein Einwanderungsgesetz sei als "starkes Signal" notwendig, weil Deutschland in der Welt um gut ausgebildete Menschen werbe. Bisher habe Deutschland wegen des zersplitterten Einwanderungsrechts den Ruf eines Nichteinwanderungslandes. Die jungen Unions-Politiker, angeführt von CDU-Generalsekretär Peter Tauber und Präsidiumsmitglied Jens Spahn, sprechen in ihrem Papier, das der RUNDSCHAU vorliegt, ebenfalls von einem "Signal der Offenheit".

Das SPD-Konzept ist stark geprägt von einer Reise, die Fraktionschef Thomas Oppermann jüngst nach Kanada unternahm. Das dort geltende, erst kürzlich reformierte Punktesystem will die SPD in Deutschland für Menschen aus dem Nicht-EU-Gebiet einführen: Alter, Ausbildung, Sprachkenntnisse und Berufserfahrung sollen für eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung zählen. Der Nachweis eines Arbeitsplatzes in Deutschland soll Extra-Punkte bringen. Mit dem Punktesystem würde die bisherige Blue-Card-Regelung der EU erweitert, nach der Fachkräfte einreisen können, wenn sie einen Arbeitsvertrag mit mindestens 48 400 Euro Gehalt (37 752 Euro in Mangelberufen) nachweisen. Über eine Bewerberdatenbank will die SPD ähnlich wie neuerdings auch Kanada Zuzügler und Arbeitgeber schon vor einer Einreise zueinander finden lassen. Auch soll die Zahl der Deutsch-Kurse im Ausland ausgeweitet werden.

Ein Punktesystem hatte vor 14 Jahren bereits eine Expertenkommission um die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) vorgeschlagen, jedoch war es schon damals an CDU und CSU gescheitert. Wie in Kanada soll es nach den Vorstellungen der Sozialdemokraten eine jährlich festgelegte Quote für die Zuwanderung geben. Konkrete Zahlen will die SPD noch nicht nennen. Jenseits des Atlantiks sind es rund 250 000 pro Jahr. Zum Vergleich: 2013, dem Jahr mit der bisher stärksten Zuwanderung, betrug der Wanderungsgewinn im zweieinhalb Mal so bevölkerungsreichen Deutschland rund 429 000 Personen. Die 60 jungen CDU-Abgeordneten sprechen nicht ausdrücklich von einem Punktesystem, wollen aber die Liste der Mangelberufe erweitern und ebenfalls Kriterien wie Gehalt und Ausbildung berücksichtigen - allerdings regional unterschiedlich. Asylbewerber und Flüchtlinge sind die zweite Gruppe, bei der die SPD ansetzen will. Für abgelehnte Asylbewerber müsse es künftig schneller Sprach- und Integrationskurse geben. Und eine Zweckänderung für den Aufenthaltsantrag - von der politischen Verfolgung zur Arbeitsaufnahme - solle künftig leichter möglich sein. Bisher müssen die Betroffenen dazu erst ausreisen. Jugendliche Geduldete, die eine Ausbildung begonnen haben, sollen sie in jedem Fall abschließen können, inklusive der Möglichkeit der anschließenden Arbeitssuche.

Generalidee der SPD ist ähnlich wie beim Unions-Nachwuchs, dass Deutschland qualifizierte Arbeitskräfte braucht, um die demografischen Verluste wettzumachen. Diesem Ziel soll es auch dienen, mehr ausländische Studierende an deutsche Hochschulen zu holen. Die SPD hat darauf verzichtet, einen ausgefeilten Gesetzentwurf vorzulegen. Sie wolle den konservativen Teil der Union nicht provozieren, sondern eine breite gesellschaftliche Debatte anstoßen, hieß es. Ähnlich formuliert es auch der CDU-Nachwuchs. Nun kommt es auf Angela Merkel (CDU) an. Bisher hat die Kanzlerin nur erklärt, dass ihre Meinungsbildung zum dem Thema "noch nicht abgeschlossen" sei und man sich alles "in Ruhe anschauen" solle. Typisch Merkel eben.