„. . . bald vier Millionen in Berlin“ singt Max Giesiniger in seinem Erfolgshit „80 Millionen“. Es geht um die Einwohnerzahl der Bundeshauptstadt, die sich zurzeit um 3,7 Millionen bewegt. Dass der Sänger in seinem Liedtext nicht übertreibt, wird Anfang Dezember 50 Bürgern aus Spree-Neiße und Cottbus bei einem Besuch in Berlin verdeutlicht. „40 000 Zuzüge gibt es pro Jahr“, verweist Constanze Röderstein, Stadtführerin von Sightseeing Point, bei einer kurzen Kennenlernen-Tour durchs Zentrum auf die Dynamik in der Stadt.

„Die Zahl habe ich mir behalten. Sie hat mich schon beeindruckt“, sagt Barbara Schatter aus Spremberg. Dabei spult die Stadtführerin Zahlen und Fakten am Fließband ab: Mit 900 Quadratkilometern Fläche sei Berlin größter als New York. Das Stadtareal ist zu 40 Prozent grün. Es gebe zurzeit 5000 Baustellen, rund 80 Weihnachtsmärkte und in den vier Universitäten sowie weiteren 35 Hoch- und Fachhochschulen sind nahezu 200 000 Studenten eingeschrieben.

Unterwegs ein Plausch mit Woidke

Die Ouvertüre für die Zwei-Tage-Reise auf Einladung des Spremberger SPD-Bundestagsabgeordneten Ulrich Freese in den Berliner Politik-„Betrieb“ ist da schon mal gelungen. In doppelter Hinsicht sogar. Denn bei einem Bus-Stopp an der A-13-Raststätte „Berstetal“ gibt es bereits eine überraschende Begegnung. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ist vom heimatlichen Forst in den Bundesrat unterwegs. Man kommt auf dem Rastplatz ins Gespräch und wünscht einen guten Tag. Den Bundesrat wird der Tross aus Südbrandenburg am zweiten Tag kennenlernen und dessen Funktionsweise erläutert bekommen.

Zunächst aber geht es ins Plenum des Bundestages im Reichstagsgebäude, über dem die Flagge der Einheit – nachts angestrahlt – weht. „Im Bundestag gibt es keine Hinterbänkler“, lässt Hella Langwehr vom Besucherdienst zunächst einmal aufhorchen. Davon höre man zwar immer wieder, wenn sich ein Abgeordneter aus der vermeintlichen zweiten Reihe forsch nach vorn wagt. Richtig sei aber, dass es im Bundestag keine nummerierten Sitze gibt – im Unterschied zum EU-Parlament etwa.

Freie Platzwahl

Unter der Reichstagskuppel ist bis auf die vorn sitzenden Fraktionsspitzen freie Platzwahl. Und es gebe einen weiteren Unterschied zu anderen höchsten Volksvertretungen: „Der Bundestag ist ein Arbeitsparlament“, erläutert die Führerin, dass hier in 24 Fachausschüssen Beschlüsse und Gesetze vorbereitet werden. 14 bis 44 Abgeordnete würden jeweils den Ausschüssen angehören. Sie sind also auch nicht immer im Plenarsaal. Ganz im Unterschied etwa zum Präsenzparlament in London, wo Anwesenheit Pflicht sei.

Die Lausitzer erfahren zudem, dass der Bundestag eine 220 Mann starke Polizei hat. Dass Redner entsprechend der Fraktionsstärke Zeit für ihren Vortrag im Plenum haben. Und, wer zu lange spricht, „bekommt das Mikrofon abgedreht“. Neben dem Bundestagspräsidenten, ohne den oder einen Stellvertreter es keine Sitzung gibt, tun auch zwei Juristen ihrer Arbeit.

Mensch versus Technik

Reichlich Nachfragen gibt es aber zur Arbeit der 30 Stenografen. Sie müssen 250 Silben pro Minute aufnehmen können, und sie wechseln sich während einer Bundestagssitzung aller fünf Minuten ab. „Technik ist manipulierbar“, reagiert Hella Langwehr auf die Frage, warum die Reden nicht ausschließlich mitgeschnitten werden. Außerdem würden in den im Internet veröffentlichten Redebeiträgen auch Anmerkungen aus dem Plenum mit Name und Fraktion angefügt. „Die Stenografen müssen also alle 709 Abgeordneten kennen.“

Der Gubener Reiner Flach, der mit Ehefrau Hannelore die Ausführungen verfolgt, zeigt sich beeindruckt. „Aber auch Herr Freese hat uns einen guten Einblick in seine Arbeit gegeben“, schätzt Flach ein. Er habe sich auch zur Rolle der SPD bekannt. „Aber, wie es mit dieser Partei weitergehen soll, das wissen sie zurzeit wohl alle nicht.“

Dass der Spremberger Ulrich Freese 2013 für den Bundestag kandidierte und dann noch einmal antrat, „hatte für mich unmittelbar mit der Bergbau- und Energieregion Lausitz zu tun“. Mit Ex-Minister Sigmar Gabriel (SPD) sei 2016 bei einem Treffen mit Lausitzrunde verabredet worden, dass es eine Strukturkommission geben werde. Ihr Ziel sollte Strukturentwicklung der Regionen vor Kohleausstieg sein. „Davon war die jetzige Strukturkommission weit entfernt“, sagt Freese und kündigt an: „Wenn der Kohleausstieg in der Lausitz wesentlich früher festgelegt wird, als es das Revierkonzept der Leag vorsieht“, werde ich dem Gesetz nicht zustimmen.“

Zuvor hat der 67-jährige Ex-Gewerkschafter Barbara Schatter als seine 500. Besucherin aus der Lausitz in dieser Legislatur beglückwünscht. „Zur Kohle- und Strukturpolitik hatte ich mir klare Worte erhofft“, sagt die Sprembergerin und fügt hinzu, dass sie nicht enttäuscht worden sei. Reinhard Paulick aus Döbern stimmt zu. Ohnehin sei für ihn dieser Besuch im politischen Berlin ein Erlebnis gewesen. Dazu zählt er auch die Visite im „Tränenpalast" und in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. „Auch wenn das eher beklemmende Eindrücke bleiben werden“, sagt Paulick.