Wer am Ende als Sieger oder Verlierer vom Platz geht, ist allerdings noch nicht ausgemacht. "Die Lage wird eigentlich immer verworrener", konstatiert Krista Sager, die als grüne Fraktionsvorsitzende im Bundestag und eingefleischte Hamburgerin ebenfalls zahlreiche Wahlkampfauftritte in der Stadt bestritten hat. Zweifellos reichen nur einige wenige prozentuale Verschiebungen, um die unterschiedlichsten Machtkonstellationen zu erzeugen.

Drahtseilakt der FDP
Nur an der stärksten Partei herrscht kein Zweifel. Für die CDU mit ihrem smarten Bürgermeister Ole von Beust sagen die Demoskopen ein stabiles Hoch von 45 Prozent plus X voraus. Offenbar haben die Hamburger ihrem Stadtoberhaupt die Regierungsehe mit dem Rechtspopulisten Ronald Schill verziehen. Das Bündnis im Zusammenspiel mit der FDP hatte im September 2001 die jahrzehntelange Vormachtstellung der hanseatischen Sozialdemokraten beendet. Nach seinem Zerwürfnis mit dem einstigen "Richter Gnadenlos" im vergangen Jahr stieg von Beust zum Hoffnungsträger der Stadt auf.
Und trotzdem könnte er sich auf den harten Bänken der Opposition wiederfinden. Zwar ist die Hamburger SPD drauf und dran, ihr schlechtestes Wahlergebniss einzufahren. Wahlforscher sehen die Genossen gerade noch bei 30 Prozent (2001: 36,5 Prozent). Aber eine Neuauflage von Rot-Grün könnte dennoch gelingen, wenn die Ökos, die sich in Hamburg GAL nennen, ihr Potenzial voll ausschöpfen. Gegenwärtig werden sie mit 13 Prozent der Stimmen gehandelt.
Wochenlang hatte Ole von Beust auf eine absolute Mehrheit gesetzt. Doch inzwischen scheint einigen in der CDU zu dämmern, dass es womöglich doch nicht ohne die Liberalen geht. Genau auf diese Einsicht hofft die FDP, weshalb sie auch schon eine massive Leihstimmenkampagne in Gang gesetzt hat. Selbst vor blau-gelben Wahlplakaten mit dem Konterfei von Beusts schreckte man nicht zurück. Die drohende politische Bedeutungslosigkeit wiegt eben stärker als der Schwur der Bundespartei von der eigenständigen politischen Kraft. In den Umfragen dümpeln die Liberalen nur zwischen drei und vier Prozent herum. Bleiben sie außen vor, wäre der Profilierungsdruck bei der anstehenden Kür eines bürgerlichen Präsidentschaftskandidaten umso größer. Eine Einigung zwischen Merkel und Westerwelle auf einen gemeinsamen Personalvorschlag stünde dann unter einem schlechten Stern.

Schill als große Unbekannte
Unklar ist auch noch, ob Ronald Schill mit seiner Parteineugründung "ProDM/Schill" abermals in die Hamburger Bürgerschaft einziehen kann. Die Demoksopen sehen seine Truppe zwar nur bei drei Prozent. Doch Überraschungen sind nicht ausgeschlossen, weil rechte Wähler in Umfragen nicht immer ihre Neigung preisgeben. Gelingt Schill das schier Unmögliche, wäre auch eine schwarz-grüne Konstellation denkbar. In der Berliner Parteizentrale der Grünen werden solche Überlegungen aber als "akademische Debatte" abgetan.
Derweil scheint der Bundeskanzler nicht auf ein rot-grünes Wunder zu hoffen. Bei der Neuwahl gehe es vor allem um Hamburg, sie werde nicht bundespolitisch entschieden, ließ Gerhard Schröder vor ein paar Tagen wissen. So redet man Niederlagen klein. Andererseits hoffen die Genossen sehr wohl auf den "Müntefering-Effekt". Angesichts des bevorstehenden Wechsels an der SPD-Spitze haben auch Beobachter wie Krista Sager einen gewissen Motivationsschub bei den Hamburger Genossen ausgemacht. "Es bleibt bis zur letzten Sekunde spannend", prognostiziert die Grüne.