„Otto Melcher, Fleischermeister“. Der Schriftzug auf der gelben Backstein-Fassade des leer stehenden Hauses in der Cottbuser Straße in Tschernitz ist verblasst, aber noch lesbar. Ehrfürchtig steht Paul Wernitz davor und sagt: „Lange habe ich nach einem Menschen aus Tschernitz gesucht, der es verdient hat, gewürdigt zu werden.“ Der Ortschronist und Heimatvereinsvorsitzende ist sicher, ihn gefunden zu haben. Erich Melcher, vor 108 Jahren als Sohn des Fleischermeisters Melcher geboren, „war zwar kein Stauffenberg“, so Wernitz, „aber mutig wie die Geschwister Scholl.“

Wernitz ist sich mit Bürgermeister und Heimatverein einig. Am 27. Januar, zum Geburtstag Melchers, soll an dieser Hauswand eine Gedenktafel enthüllt werden. Einige Sätze sollen darauf zu lesen sein über das bewegte Leben des Gewerkschafters, Kommunisten und Widerstandskämpfers gegen Hitler. „Mehr erfahren über Erich Melcher kann man dann in unserer Heimatstube“, sagt Wernitz. Er wird dort, wohl ab Herbst, einen Abriss von Melchers Leben präsentieren.

Wernitz hat sich Jahrzehnte lang mit Erich Melcher beschäftigt. 1967, damals schon Lehrer für Physik und Astronomie in Tschernitz, habe er erstmals diesen Namen gehört. Hinter vorgehaltener Hand wurde erzählt, er gehöre zu den Kommunisten, die nicht in das Bild passten, das die DDR vom Antifaschismus hatte. Näheres über Leben und Leiden des Tschernitzers erfuhr der Wissbegierige aber zunächst nicht. Selbst nahe Verwandte gaben ihm keine Auskunft.

Damals wusste Wernitz noch nicht, dass KPD-Mitglied Erich Melcher 1923 am gescheiterten Hamburger Aufstand gegen die Reichsregierung und den von ihr verhängten Ausnahmezustand im Land beteiligt war. Zwei Jahre musste er dafür ins Cottbuser Gefängnis. „Die Melchers waren in Tschernitz Handwerker. Ein Zuchthäusler in der Familie, das war rufschädigend.“

Intensiv betrieben hat Wernitz seine Melcher-Nachforschungen erst als Rentner nach der Wende. Das Internet half ihm, einen Kontakt zu Melchers Tochter in Neubrandenburg herzustellen. Wernitz las viel. Bücher über Anarchisten gegen Hitler und Rätekommunisten im Widerstand, über prominente Mithäftlinge Melchers in den Konzentrationslagern. Wie ein Puzzle setzte er die erstaunliche Biografie Melchers zusammen, über den in Lexika und Nachschlagewerken wenig zu finden ist. Und schon bald erklärte sich Wernitz, warum der SED-Staat von Erich Melcher nie etwas wissen wollte. Wegen seiner angeblichen Zusammenarbeit mit der SPD schloss ihn die KPD 1928 aus der Partei aus. „Damit galt er als Abweichler.“

Brüche und Wendungen in einer bewegten Zeit charakterisierten den weiteren Werdegang des Fleischersohns – und machten ihn gerade deshalb für Wernitz so interessant. Nach seinem Parteiausschluss gründete Melcher die Kommunistische Plattform (KPO) mit, wechselte aber schon 1932 zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), für die er erfolglos bei der Reichstagswahl kandidierte. Nach Hitlers Machtübernahme im Januar 1933 druckte die SAPD in Dresden illegal ihre Zeitung, redigiert von Erich Melcher.

„Ausstrahlung und Integrationskraft“, so Wernitz, bewies der Widerstandskämpfer nach einer kommunistischen Versammlung 1933 in Dresden. Die Polizei löste sie auf, neun Menschen starben. Wernitz: „Melcher schaffte es, Kommunisten, Sozialdemokraten und SAPD-Mitglieder an einer Trauerfeier zu beteiligen.“ 30 000 Menschen kamen.

Noch im Juni 1933 verurteilte das Reichsgericht Melcher wegen „Pressevergehen“ zu zweieinhalb Jahren Haft, die er in Bautzen absaß. Trotz des Vermerks „kommt in Schutzhaft“ auf dem Entlassungsschein blieb Melcher danach in Deutschland. „Melcher war stur und mutig“, sagt Wernitz. Er arbeitete bei einer Reklame-Firma in Dresden. Aber nicht lange. Am 21. August 1937 nahm ihn die Gestapo fest.

Der Chronist forschte auch in der Gedenkstätte Buchenwald nach. Denn am 21. August 1937 wurde Erich Melcher in das Konzentrationslager nahe Weimar verschleppt – und blieb dort bis zum 26. Februar 1944. Der Heimatforscher weiß das so genau, weil er sich eine Kopie der Häftlings-Personal-Karte besorgt hat.

Trotz der Lager-Schikanen diskutierten die politischen Häftlinge in Buchenwald über die Zeit nach Hitler. „Wahrscheinlich“, so Wernitz, „eckte Melcher dort mit seinen Vorstellungen von einer Demokratie nach amerikanischem Vorbild an.“ Denn die meisten politischen Häftlinge in Buchenwald waren stalintreue Kommunisten, wie auch im Begleitband zur ständigen historischen Ausstellung „Konzentrationslager Buchenwald 1937 bis 1945“ zu lesen ist. „Die Kommunisten setzten ihre Überzahl in eine beherrschende Stellung unter den politischen Häftlingen um“, heißt es in der Publikation. Und: „Von den Nazis eingesetzte kommunistische Häftlingsfunktionäre wurden zur Gefahr für Andersdenkende.“

Paul Wernitz vermutet, dass Melchers Name deshalb nicht von ungefähr im Januar 1944 auf eine Transportliste gesetzt wurde. Ziel: das Vernichtungslager Majdanek. Bereits zwischen April und Mai 1944 mussten die Nazis das Lager auflösen, weil die Rote Armee heranrückte. Auch Erich Melcher wurde auf einen der Todesmärsche geschickt. Nach acht Tagen erreichte er das nächste Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. In einem Brief an seine Tochter schrieb Melcher, dass er noch so einen Marsch nicht überleben würde. In der Quarantäne-Baracke teilte er sich in Auschwitz eine Pritsche mit zwei Häftlingen, bekam kaum zu essen, so Wernitz. „Immerhin ließ man ihn auf einem Bauhof arbeiten. So konnte er überleben.“

Über Melchers letztes Lebenskapitel ist wenig bekannt. Ein Foto aus der Häftlingskartei des Vernichtungslagers Auschwitz zeigt ihn in der Uniform der SS-Division Dirlewanger. Ein Sonderregiment, für das gegen Kriegsende auch politische Häftlinge rekrutiert wurden. Melcher ließ sich anwerben. Aber nur, um einem weiteren Todesmarsch zu entgehen, so Wernitz. „Er wollte desertieren.“ Das Vorhaben scheiterte. Melchers letztes Lebenszeichen ist ein in Budapest abgestempelter Brief an die Familie. Rund um die Stadt kämpfte das Regiment gegen die Rote Armee. Melcher, ist Wernitz sicher, wurde bei diesen Kämpfen erschossen und verscharrt. Sein Todestag ist bis heute unbekannt.