Wenn die Niederländer mit einem Politiker ein Bier trinken gehen müssten, dann einer Umfrage zufolge am liebsten mit Jan Marijnissen. Der 54-jährige ehemalige Schweißer ist ein Sympathieträger - und das hat sich am Mittwoch auch für seine Partei, die links außen angesiedelte SP, weidlich ausgezahlt. Bei der vorgezogenen Parlamentswahl konnte die Sozialistische Partei (SP) ihr Ergebnis aus dem Jahr 2003 überraschend fast verdreifachen und ist nun mit 26 Abgeordneten drittstärkste Kraft im Parlament.
Die Sozialisten konnten vor allem mit ihrem Protest gegen die Wirtschafts- und Sozialreformen der scheidenden Mitte-Rechts-Regierung punkten. Während Ministerpräsident Jan Peter Balkenende auf die wirtschaftlichen Erfolge abhob, sprach der begnadete Redner Marijnissen hauptsächlich von den Verlierern der Reformen, den Armen und Alten. Zudem gelang es Marijnissen, sich als glaubhaftere Alternative zum Chef der sozialdemokratischen PvdA, Wouter Bos, zu präsentieren und die PvdA, die zweitstärkste Kraft, als künftigen Erfüllungsgehilfen der Christdemokraten darzustellen. "Die Niederlande haben gezeigt, dass sie eine humanere und sozialere Regierung wollen", wertete Marijnissen das Ergebnis. Schon der 2002 ermordete Rechtspopulist Pim Fortuyn hatte der SP angesichts der wachsenden Entfernung zwischen Politikern und Bürgern "eine gute Analyse der Probleme" attestiert; allerdings biete sie nicht die & bdquo;richtigen Lösungen" an. Im Gegensatz zu Fortuyn verfolgt die SP eine mildere Einwanderungspolitik. Experten zufolge könnten die Sozialisten dennoch vom Zerfall der Liste Pim Fortuyn, die es am Mittwoch nicht ins Parlament schaffte, profitiert haben.
Mit ihrem Programm war die SP bislang fest in der Opposition verankert: Sie steht Globalisierung und Liberalismus kritisch gegenüber, ist gegen die Teilnahme niederländischer Soldaten an Nato-Einsätzen und bekämpft Pläne zum Abbau des Wohlfahrtsstaats. Im vergangenen Jahr war Marijnissen einer der Wortführer bei der Ablehnung der EU-Verfassung. Politisch aktiv ist der ehemalige Fabrikarbeiter und Gewerkschafter seit 1989. Doch bei aller Beliebtheit - der Mann mit dem freundlichen Gesicht und der Glatze führt seine Partei mit harter Hand. So zögerte er nicht lange, einen seiner Abgeordneten rauszuwerfen, weil der sich weigerte, sein Gehalt wie üblich gegen eine geringere Entlohnung der Partei abzugeben.
Marijnissen hat klare Vorstellungen von der Zukunft seines Landes: den niederländischen Wohlfahrtsstaat beibehalten, höhere Steuern für die Reichen erheben, den Beziehern von Niedriglöhnen mehr Geld und Regierungsbeihilfen geben und eine strikte Einwanderungspolitik einführen.
Auch wenn er in seinen Überzeugungen nicht wankt, Marijnissen ist Pragmatiker genug, um zu betonen, dass eine Partei, die keine Regierungsbeteiligung anstrebt, nicht ernst genommen wird. "Der 22. November ist ein historischer Tag für die Sozialistische Partei und die Niederlande: der Tag, an dem die Sozialisten die Liberalen schlugen", sagte er mit Blick auf die bislang mitregierende rechtsliberale VVD, die sechs Sitze einbüßte und nun vier Sitze weniger als die SP hat. Ob die Sozialisten an der Regierung beteiligt sein werden, ist noch unklar. Wenn nicht, wird Marijnissen Oppositionsführer.