"Ministerpräsident verspricht Wohlstand für alle", titelt die Tageszeitung "China Daily". Doch Zhang Haiyans Stimmung ist schlecht: "Wir trauen uns doch nicht mal mehr, Geld auszugeben. Was machen wir denn, wenn wir krank werden und dann wieder Zehntausende für Arztrechnungen bezahlen müssen!"
Die 61-Jährige, die zusammen mit ihrem Mann noch Arbeit und ein gutes Auskommen hat, zählt zum wohlhabenden städtischen Mittelstand. Wie in China üblich, kümmern sie sich um die weniger gut gestellten Mitglieder der großen Familie, bezahlen zum Beispiel die hohen Schul- oder Studiengebühren von Nichten und Neffen. "Ich stecke immer allen etwas zu", sagt Zhang Haiyan.
Die marktwirtschaftlichen Veränderungen haben Chinas Gesellschaft zu einer der ungerechtesten der Welt werden lassen. Vor mehr als zwei Jahrzehnten waren im kommunistischen China noch alle ziemlich gleich gestellt. Doch heute haben 20 Prozent der Bevölkerung 60 bis 80 Prozent des Kapitals in den Händen, berichtet der Soziologe Zhu Qingfang von der Akademie der Sozialwissenschaften. "Die Reichen sind doch nicht deswegen reich, weil sie sich aus eigener Kraft hochgearbeitet haben, sondern weil sie als Funktionäre großen Einfluss hatten und ihre Macht in Geld umgemünzt haben", empört sich Zhang Haiyan darüber, wie sich kommunistische Kader am System bereichern. Auch einige der 3000 Delegierten des Volkskongresses sind mit der Privatisierung der Staatsindustrie vom Parteichef zum Unternehmenschef aufgestiegen.

Korruption weit verbreitet
Die Reform fordert ihre Opfer vor allem bei den Machtlosen. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich in zwei Jahrzehnten verdoppelt. Die soziale Stabilität hat sich verschlechtert, warnt die Akademie der Wissenschaften in ihrem Entwicklungsbericht. Die Indikatoren für Korruption, Verbrechen und Produktionsrisiken gehen nach oben. Schwere Unfälle in der überlasteten Kohleindustrie, Chemieunfälle und schwere Wasserverschmutzungen machen Schlagzeilen. Der Gini-Koeffizient für die Einkommensgleichheit hat die Warnschwelle von 0,4 überschritten und liegt bei 0,53, was soziale Unruhe erwarten lässt. Dieser nach dem italienischen Statistiker Corrado Gini benannte Wert zeigt bei null Gleichheit an, während eins das gesamte Vermögen nur in einer Hand sieht.
"Es ist heute nicht mehr wie früher unter Mao Tsetung", sagt Zhang Haiyan. "Damals hatten wir alle nichts, da waren wir gleich." Etwas Wehmut klingt durch. Ob das Leben damals nicht viel härter gewesen sei? "Klar, damals war das Leben schwer, aber es hat alle betroffen. Jeder hat sich bemüht und alle haben sich gegenseitig geholfen", sagt sie und gibt damit einer neuen Stimmung im Milliardenvolk Ausdruck. Genau dieses vage Gefühl, dass früher alles besser gewesen sei, hat erstmals seit Anfang der 90er-Jahre wieder die Reformen an sich infrage gestellt.
Es ist die größte machtpolitische Herausforderung für die neue Führung von Staats- und Parteichef Hu Jintao und Ministerpräsident Wen Jiabao seit dem Generationswechsel vor drei Jahren. Schon einmal, 1991, hatten sich die Linken gegen die Reformen formiert. Doch mit seiner "Reise in den Süden", wo damals schon erfolgreich mit dem Kapitalismus experimentiert wurde, brachte Reformarchitekt Deng Xiaoping das Land endgültig auf Reformkurs. Wie damals sieht heute der Vize-Chefredakteur des Parteiorgans "Volkszeitung", Zhou Ruijin, eine neue Runde der Debatte "Sozialismus gegen Kapitalismus". Wie damals verbreitete er unter seinem Pseudonym Huang Fuping einen Aufruf "Die Reformen nicht aufweichen!".
Die Probleme seien nicht durch die Reformen verursacht, sondern ein Zeichen, dass sie nicht weit genug gegangen seien, schrieb er in einem Aufsehen erregenden Beitrag im Magazin "Caijing". China stehe wieder an einem "historischen Wendepunkt". Die Unterschiede zwischen Arm und Reich seien nicht entstanden, weil die Marktreformen einigen erlaubt hätten, "zuerst reich zu werden", wie es Deng Xiaoping zugelassen hatte. "Es kam, weil im Übergang zum Markt die Hand der Macht intervenierte und bestimmten Leuten erlaubt hat, auf Kosten anderer Leute schnell reich zu werden", argumentiert Zhou Ruijin. Das Übel sei das veraltete politische System.
Wie groß die Ungerechtigkeiten in China geworden sind, zeigt der Index der UN für menschliche Entwicklung (HDI), der Einkommensunterschiede, Lebenserwartung oder auch Analphabetentum misst. Er führt die viertgrößte Wirtschaftsmacht und drittgrößte Handelsnation heute nur auf Platz 90 von 131 Ländern.

Peking verspricht Milliardenhilfen
Die Einkommen auf dem Lande betragen etwa ein Drittel der städtischen Gehälter. Auch in diesem Jahr sollen die städtischen Einkommen wieder um 9,6 Prozent steigen, während die Bauern mit einem Zuwachs von 6,2 Prozent hinterherhinken, wie der Ministerpräsident ankündigt. Er verspricht den 750 Millionen Menschen auf dem Lande Milliardenhilfen, Infrastrukturprojekte, weniger Schulgebühren und bessere medizinische Versorgung. Das haben die Bauern noch jedes Jahr gehört, deswegen bleibt Skepsis, ob sich diesmal etwas ändert.
Alarmierend ist, dass die Armut jetzt selbst in den Städten wächst. Neben Landflüchtlingen, die ausgebeutet werden, rutschen immer mehr entlassene Arbeiter von Staatsbetrieben oder alte Leute wegen zu geringer Renten in die Bedürftigkeit. Sechs bis acht Prozent der Städter lebten schon in Armut, warnen Experten vor Instabilität.