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Sorge um moderne Zugtechnik "Made in Germany"

Wie lange werden bei Bombardier in Hennigsdorf noch S-Bahnen wie diese gebaut? Ein Spitzentreffen im Bundeswirtschaftsministerium sollte den Beschäftigten neue Erkenntnisse über die Zukunft ihrer Arbeitsplätze bringen. Bis zum Sommer wird jetzt erst mal weiter verhandelt.
Wie lange werden bei Bombardier in Hennigsdorf noch S-Bahnen wie diese gebaut? Ein Spitzentreffen im Bundeswirtschaftsministerium sollte den Beschäftigten neue Erkenntnisse über die Zukunft ihrer Arbeitsplätze bringen. Bis zum Sommer wird jetzt erst mal weiter verhandelt. FOTO: dpa
Hennigsdorf. Der Bahntechnik-Konzern Bombardier plant den Abbau von weltweit 5000 Arbeitsplätzen. In Deutschland könnten davon vor allem die Standorte in Hennigsdorf (Oberhavel), Bautzen und Görlitz betroffen sein. Auch nach dem Spitzengespräch bei Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) bangen die Beschäftigten weiter. Daniel Friedrich

Es wäre ein radikaler Einschnitt in der Geschichte der deutschen Bahnindustrie: die Schließung ganzer Bombardier-Standorte in Brandenburg und Sachsen. Schon länger galten die Arbeitsplätze in Hennigsdorf, Bautzen und Görlitz als nicht mehr sicher. Dieser Tage bangen die Bombardier-Mitarbeiter jedoch mehr denn je um ihre Jobs. Denn am Montag hatte das "Handelsblatt" berichtet, der Konzern prüfe im Rahmen seines Sanierungsplans, mehrere Standorte in Deutschland komplett dichtzumachen. Der Konzern bekannte sich allerdings gestern grundsätzlich dazu, in Deutschland weiter produzieren zu wollen.

Immer wieder Gerüchte

Bereits im Frühjahr 2016 hatte Bombardier angekündigt, Arbeitsplätze in Deutschland abbauen zu wollen. Seitdem gab es immer wieder neue Gerüchte um die konkreten Maßnahmen zur wirtschaftlichen Sanierung des Konzerns. Michael Fohrer, Deutschlandchef von Bombardier Transportation, sagte vor dem gestrigen Spitzentreffen im Bundeswirtschaftsministerium: "Deutschland wird für Bombardier auch in der Zukunft ein entscheidender Standort für die Entwicklung, Produktion und Wartung von Bahntechnik bleiben." Der Standort Deutschland spiele daher eine zentrale Rolle in der langfristigen Unternehmensstrategie.

Das Unternehmen Bombardier Transportation mit seiner Zen trale in Berlin ist die Zugsparte des kanadischen Flugzeug- und Bahnkonzerns Bombardier. Weltweit werden fast 40 000 Menschen beschäftigt, davon rund 8500 in Deutschland. Das Unternehmen zählt nach dem Umsatz (2015: 7,5 Milliarden Euro) als drittgrößten Bahntechnik-Hersteller der Welt. Der momentan diskutierte Umstrukturierungsplan sieht vor, bis Ende kommenden Jahres international 5000 Arbeitsplätze in der Zug sparte zu streichen. Laut "Handelsblatt" prüfe Bombardier insbesondere die Schließung der Standorte in Görlitz und Bautzen. Dort sind nach Angaben der Unternehmensleitung insgesamt rund 3100 Mitarbeiter beschäftigt.

Der sächsische Landtagsabgeordnete Marko Schiemann (CDU) forderte am Montag den Erhalt der sächsischen Bombardier-Werke. "Bautzen ist einer der modernsten Industriestandorte in Europa. Die Werke in Sachsen haben weltweit Abnehmer und mit ihren gut ausgebildeten Fachkräften zu hoher Kundenzufriedenheit beigetragen", betonte der CDU-Politiker.

Auch im brandenburgischen Hennigsdorf könnte die komplette Produktion wegfallen. Davon wären rund 500 Mitarbeiter betroffen. Einzig die Forschungsabteilung würde noch erhalten bleiben, befürchtet der Betriebsrat.

Woidke pocht auf Hennigsdorf

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) erklärte, möglichst viele Arbeitsplätze "und auch Hennigsdorf selbst als Produktionsstandort" erhalten zu wollen. Das Unternehmen trage zur Sicherheit von Beschäftigung in der traditionell in Deutschland angesiedelten Bahnindustrie bei und fördere eine nachhaltige Mobilität "Made in Germany".

Das Werk in Hennigsdorf ist der größte Produktionsstandort Bombardiers in Europa. Dort werden Zugtypen aller Art für internationale Abnehmer entwickelt, hergestellt und instand gehalten. Unter anderem kommen Züge wie der ICE 3, die S- und U-Bahnen in Berlin, Regionalzüge für die Deutsche Bahn sowie die Berliner Straßenbahnen aus dem Werk. Erst vor zwei Wochen hatten die Österreichischen Bundesbahnen bei Bombardier bis zu 300 Züge des Typs "Talent 3" für den Regionalverkehr bestellt. Dazu wurde ein Rahmenvertrag mit einem Auftragsvolumen von rund 1,8 Milliarden Euro unterzeichnet. Die ersten 21 Züge sollen von März an in Hennigsdorf hergestellt und bis 2019 geliefert werden.

Von der AEG zu Bombardier

Wo die Produktion der Folgeaufträge stattfindet, steht den Angaben eines Unternehmenssprechers zufolge noch nicht fest. In Hennigsdorf werden seit 1913 Eisenbahnen produziert. Zunächst begann die "Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft" (AEG) mit dem Bau von Lokomotiven. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie enteignet und in den VEB Lokomotivbau Elektrotechnische Werke Hennigsdorf umgewandelt. Nach der Wende übernahm die AEG wieder den Betrieb, es folgten 1996 die Übernahme durch Adtranz und im Jahr 2001 schließlich durch Bombardier.