Kritiker halten der Ennahda jedoch Fundamentalismus vor und glauben, sie wolle die Frauenrechte und die Meinungsfreiheit beschneiden.

Issaka Souare, Nordafrikaexperte am Institut für Sicherheitsforschung im südafrikanischen Pretoria, hält diese Befürchtungen für überzogen. Mit einem erwarteten Stimmenanteil von 20 bis 40 Prozent werde die Ennahda nicht allein regieren können und „gut daran tun, ihre Koalitionspartner nicht zu verärgern“, sagt er. Zudem müsse die Partei die Wünsche ihrer jugendlichen Wähler nach einer offenen Lebensweise beachten und könne daher nicht zu radikal auftreten.

Auch gegenüber dem Ausland müsse die Ennahda gemäßigt agieren, sagt Souare. Sie könne es sich „nicht erlauben, Tunesiens Beziehungen mit westlichen Staaten zu beschädigen“ – insbesondere mit Blick auf den Tourismus, der dem Land rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts beschert. „Touristen trinken Alkohol“, warnt Souare plakativ. Ein mit dem muslimischen Glauben begründetes Verbot könne daher verheerende Auswirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung haben. Wegen der Unruhen brach der Tourismus im laufenden Jahr um fast 40 Prozent ein.

Obwohl der Islam in Tunesien Staatsreligion ist, wurde das Land bislang nicht fundamental muslimisch regiert. Vielmehr lebten religiöse Minderheiten friedlich mit der muslimischen Bevölkerungsmehrheit von mehr als 90 Prozent zusammen. Der Staatschef muss laut geltender Verfassung jedoch ein Muslim sein. Ob dies so bleibt, ist offen. Bei der Wahl am Sonntag waren 217 Abgeordnete zu bestimmen, die eine neue Verfassung ausarbeiten sollen. Zudem sollen sie einen neuen Präsidenten wählen, der den Chef einer Übergangsregierung ernennen soll.

Ein Einstieg in islamisches Schariarecht, wie gerade in Libyen angekündigt, steht in Tunesien wohl nicht an. Im Geburtsland des sogenannten Arabischen Frühlings versprach das Ennahda-Vorstandsmitglied Nourreddine Bhiri, die Rechte „aller Tunesier unabhängig von ihrer Religion, ihrem Geschlecht oder ihrer sozialen Herkunft“ achten zu wollen. Sein Kollege Abdelhamid Jlassi versprach den Wirtschaftspartnern Tunesiens Stabilität.