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| 01:26 Uhr

Sorbische Wenden und wendische Sorben

Die Fastnachten (Zapust) mit ihren Festumzügen wie hier in Drachhausen sind ein typischer Brauch der Sorben/Wenden in der Niederlausitz. Sorbische/wendische Wörter sind dabei aber eher selten zu hören. Foto: Torsten Richter
Die Fastnachten (Zapust) mit ihren Festumzügen wie hier in Drachhausen sind ein typischer Brauch der Sorben/Wenden in der Niederlausitz. Sorbische/wendische Wörter sind dabei aber eher selten zu hören. Foto: Torsten Richter FOTO: Torsten Richter
Wenn von der slawischen Minderheit in der Lausitz die Rede ist, wird fast immer von „Sorben“ gesprochen. Manche „Sorben“ bezeichnen sich jedoch als „Wenden“. Darüber wird seit Jahren gestritten. Von Torsten Richter

Für Siegfried Malk aus Schmo grow (Spree-Neiße) ist die Sache klar. Er sei ein "waschechter Wende", versichert der 57-Jährige. Mit der Bezeichnung "Sorbe" könne er sich nicht anfreunden: "Ich fühle mich dann immer an die DDR-Zeit erinnert." Damals seien die Niederlausitzer Wenden in der Domowina, der sorbischen Dachorganisation, stets bevormundet worden, behauptet der Schmogrower. Und die Domowina sei obersorbisch dominiert gewesen. Malk führt den wendischen Ortsnamen von Burg (Spree-Neiße) als Beleg dafür an: "Es heißt nicht Borkowy, sondern Bórkowy." Mithilfe des wendischen Vereins "Ponaschemu" (Deutsch: "Auf unsere Art") habe zumindest auf den Hinweistafeln der Spreewaldgemeinde das "o" seinen Strich erhalten. Tatsächlich gab es Anfang der 1950er-Jahre Bemühungen, das Niedersorbisch/Wendische an das Obersorbische anzugleichen, bestätigt Historiker Dr. Peter Schurmann vom Sorbischen Institut in Cottbus. In der Bautzener Gegend habe das "o" mit dem Strich darüber eine ganz andere sprachliche Bedeutung als im Wendischen. So hätten viele Leute in der Niederlausitz zu Recht geklagt: "Das ist nicht unsere Sprache, die ihr sprecht und schreibt." Der Anfang des Streites um den richtigen Namen für die slawische Minderheit reicht rund 1400 Jahre zurück. Als "Surbi" , dem Ursprung von "Sorbe", bezeichneten sich die westslawischen Stämme, die zunächst zwischen Saale und Mulde eine neue Heimat fanden, führt Historiker Peter Schurmann aus. Später siedelten die Stämme der Milzener und der Lusizer links und rechts der oberen und mittleren Spree. Die Nachkommen der Milzener in der Ober- und der Lusizer in der Niederlausitz hätten sich aber mehr und mehr mit der Bezeichnung "Wenden" identifiziert. Ein Begriff, der von den Römern benutzt wurde und "die am Wasser Wohnenden" bezeichnete. Beginnend im Mittelalter sei der Begriff "Wenden" jedoch mit Diskriminierungen verbunden gewesen, die in der Nazi-Zeit ihren Höhepunkt erreichten, so Schurmann. Nach dem Jahr 1945 wurde das Wort "Wende" in der Oberlausitz kaum mehr benutzt, in den Dörfern um Cottbus und im Spreewald blieb es jedoch lebendig und Anlass leidenschaftlicher Auseinandersetzung. "Die Bautzener sollen ihre Sprache sprechen, wir haben unsere eigene", sagt der Peitzer Pfarrer Georg Frahnow. Der 72-Jährige glaubt, dass sich die Obersorben als die "Starken" fühlen, da sie mehr Personen zählen. Nach Angaben des Sorbischen Institutes sprechen rund 20 000 Menschen ober- und etwa 7000 Menschen niedersorbisch/wendisch. Dennoch kann der obersorbisch-sächsische Landtagsabgeordnete Heiko Kosel (Linke) zumindest in der Domowina keine Bevormundung erkennen. Immerhin sei der Regionalverband Niederlausitz mit etwa 2000 Personen der mitgliederstärkste unter den Vereinen und Verbänden in der Domowina mit insgesamt rund 7000 Mitgliedern. "Damit kann es sich der Dachverband gar nicht leisten, die Niedersorben/Wenden zu bevormunden", resümiert Kosel. Er spricht neben der obersorbischen auch die niedersorbisch/wendische Sprache fließend. "So hat es beim in niedersorbisch/wendisch gehaltenen Cottbuser Politikstammtisch, den ich organisiere, nie eine Rolle gespielt, dass ich aus der Oberlausitz komme", sagt Kosel, der in Wartha zwischen Bautzen und Niesky beheimatet ist.Ebenfalls in der Oberlausitz, in Bautzen, lebt Benedikt Dyrlich, Chefredakteur der sorbischen Tageszeitung "Serbske Nowiny" und Vorsitzender des Sorbischen Künstlerbundes. Befindlichkeiten zwischen Nieder- und Obersorben glaubt der 59-Jährige anhand mancher "Heimatschollen" zu erkennen: "Die Leute sind in ihrer jeweiligen Lokalität verwurzelt." Wer stark an der engeren Heimat hänge, der legt besonderen Wert darauf, als Wende oder als Sorbe bezeichnet zu werden. Ein gegenseitiges Ausgrenzen hält Dyrlich aber für "blanken Unsinn, denn wir sind schließlich ein Volk".Manche Sorben sehen den Begriffsstreit mit sanfter Ironie. "Jeder weiß, nur wo seine Verwandten wohnen, redet man richtig Wendisch. Wen man nicht kennt und auch nicht dessen Akzent, der ist Obersorbe", sagt der dem sorbischen/wendischen Volk nahestehende Künstler Bernd Pittkunings aus Dissen (Spree-Neiße). Als wahlweise "wendischer Sorbe" oder "sorbischer Wende" sieht sich der Lehrer und Schriftsteller Benno Pötschke. Aus Räckelwitz bei Kamenz stammend, lebt der heute 75-Jährige im Burger Spreewald. Hin und wieder wird auch von offizieller Seite Rücksicht auf die sorbischen/wendischen Befindlichkeiten genommen. So erhielt das im Jahr 1986 neu entstandene Cottbuser Innenstadtquartier nicht den Namen Sorbisches Viertel, sondern Wendisches Viertel. Anfang der 1990er-Jahre wurde in Cottbus am Schillerplatz das Wendische Haus eröffnet, in der Mühlenstraße das Wendische Museum. "Die Bezeichnung ,Niedersorbisches Museum' wäre sachlich auch richtig gewesen", sagt Kurator Werner Meschkank, der von Beginn an in dieser Einrichtung tätig ist. "Viel wichtiger als die Diskussion über Sorben-Wenden-Begriffe ist es, die wendische Sprache der Niederlausitz vor dem Aussterben zu retten", mahnt Meschkank. Wenn das nicht gelingt, hat sich der Streit um "Sorben" und "Wenden" ohnehin erledigt.