Nach den Terroranschlägen in Kenia gerät das Nachbarland Somalia erneut ins Fadenkreuz der USA. Im Visier haben die Amerikaner eine somalische Fundamentalistengruppe. Die Anschuldigungen gegen die "Al-Ittihad al Islamiya" oder "Islamische Union" haben in der somalischen Hauptstadt Mogadischu am Wochenende Unruhe ausgelöst. Viele Bewohner fürchten nun wieder, Ziel im US-geführten Krieg gegen den Terrorismus zu werden.
"Es ist wie vor einem Jahr", sagt ein Somali. "Die USA suchen nach einer Gelegenheit, wieder ihre Waffen auf uns zu richten." Im vergangenen November hatten amerikanische Erkundungstrupps das Land am Horn von Afrika nach angeblich existierenden Trainingslagern für Terroristen durchkämmt. Gleich zu Beginn des Antiterror-Krieges war Somalia, das seit dem Sturz des Diktators Siad Barre 1991 in Anarchie und Chaos versank und neben einer machtlosen Übergangsregierung von rivalisierenden Clanchefs beherrscht wird, als Hafen für Terroristen bezeichnet worden. Der amerikanische Geheimdienst CIA vermutet, dass die Al-Ittihad enge Verbindungen zu Osama bin Ladens Terrornetzwerk Al Qaida unterhält. Von der Insel Ras Kamboni oberhalb der kenianischen Küste bis nach Bossasso in der nordsomalischen Region Puntland würden Kämpfer für den Krieg gegen Amerika und seine Alliierten trainiert. Bewiesen wurden diese Anschuldigungen jedoch bislang nicht.
In einem dieser Camps sollen nach Berichten der amerikanischen Bundespolizei FBI auch die Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam 1998 geplant worden sein. Doch Experten der UN-Entwicklungsorganisation (UNDP) erklärten nach zahlreichen Erkundungen: "Diese Lager gibt es nicht mehr."
In ihrem Terrorismus-Bericht 2001 bezeichnen die USA die Al-Ittihad mit rund 2000 Anhängern als größte militante islamische Organisation in Somalia. Doch auch diese Zeiten, meinen Somalia-Experten, sind längst vorbei: Geschwächt durch Clan-Kämpfe und das Militär des Nachbarlandes Äthiopien hätten die Al-Ittihad-Kämpfer ihre Taktik inzwischen geändert.
"Die Gruppe hat sich von einer kämpfenden Organisation hin zu einer eher sozialen und wirtschaftlichen orientiert", sagt Somalia-Experte André Lesage in Kenia. "Die Anhänger machen ihren Einfluss eher in Moscheen und Koranschulen geltend und werben dort für den Islam." Alte Mitglieder der Organisation kontrollierten allerdings zahlreiche Geschäftszweige.
Unter anderem soll die Al-Ittihad großen Anteil an der somalischen Banken- und Telefongesellschaft El Barakat haben. Wegen des Verdachtes auf finanzielle Unterstützung der Al Qaida hatten die USA das Unternehmen im vergangenen Jahr auf ihre schwarze Liste gesetzt und ihr die Handelswege abgeschnitten.
Doch während US-Unterstaatssekretär für Afrika, Walter Kansteiner, von Beweisen für Verbindungen zwischen Al-Ittihad und Al Qaida sprach, fand eine amerikanische Erkundungsdelegation dafür nach Aussagen des "Wall Street Journals" keine Belege. Und der britische "Daily Telegraph" zitierte Militärexperten mit der Einschätzung, mögliche Verbindungen zu Al Qaida in Somalia seien "äußerst unwahrscheinlich".
Doch die USA lassen sich nicht beirren. Im somalischen Nachbarland Dschibuti errichten sie derzeit ein Antiterror-Hauptquartier mit demnächst 1200 Marine- und Geheimdienstkräften, unbemannten Flugzeugen und einem ihrer modernsten Lan- dungsschiffe. Gezielte Schläge in Somalia seien nicht ausgeschlossen, erklärte ein Armeesprecher.