Vor vier Jahren beim bundesweiten Urnengang stand die Personalbesetzung von Anfang an fest: Fraktionschef Gysi und der damalige Parteichef Oskar Lafontaine waren die "geborenen" Spitzenkandidaten, weil sie gemeinsam die Fusion von PDS Ost und WASG West zur Linken symbolisierten.

Zahllose persönliche Streitereien und mehrere kontroverse Parteitage später, an denen das neu Parteigebilde fast zerbrochen wäre, hat sich die Situation radikal geändert: Lafontaine zog sich in seine saarländische Heimat zurück, für eine erneute Bundestags-Kandidatur gibt es keine Anzeichen, und auch sonst hält sich seine Neigung für ein bundespolitisches Comeback stark in Grenzen. Das sagen jedenfalls Leute, die ihn gut kennen.

Da passt es auch ins Bild, dass die neue Parteivorsitzende Katja Kipping schon im vergangenen Herbst unumwunden erklärte: "Es wird bei uns keine männliche Doppelspitze mehr geben."

Ein weiblicher Ersatz für Lafontaine schien da bereits ausgemacht: dessen Freundin Sahra Wagenknecht, Frontfrau der stramm Linken unter den Linken. Dumm nur, dass Gysi ihr schon seit Jahren in herzlicher Abneigung verbunden ist. Neben den persönlichen Aversionen verweist man im Gysi-Lager aber auch noch auf andere Gründe, die gegen eine solche Doppel-Lösung sprächen: Inhaltlich sei Wagenknecht keine "Generalistin", sondern eher auf finanzpolitische Themen spezialisiert.

Überdies zeigten Umfragen, dass Gysi gleichermaßen in Ost und West als Zugpferd der Linken gesehen werde. Wagenknecht gelte dagegen als polarisierende Kraft, vor allem innerhalb der Partei. "Wir dürfen keine Experimente machen." Dafür sei man zu dicht an der Fünf-Prozent-Marke, heißt es bei den Anhängern Gysis.

Tatsächlich liegt die Linke in allen Umfragen deutlich unterhalb ihres Traumergebnisses aus dem Wahljahr 2009. Damals kam sie auf 11,9 Prozent der Stimmen. Und wenn die Rede auf Wahlerfolge kommt, erinnern die innerparteilichen Gegner eines Spitzenduos aus Gysi und Wagenknecht auch gern an die persönlichen Resultate der beiden vor vier Jahren.

In ihrem Düsseldorfer Wahlkreis kam Wagenknecht auf 9,7 Prozent der Erststimmen. Dagegen holte Gysi in Berlin mit beeindruckenden 44,8 Prozent ein Direktmandat. Auch das erklärt, warum das Urgestein der PDS - immerhin war er 1989 ihr Gründungschef - immer noch unverzichtbar für die Gesamtpartei ist.

Gysi kann die Bedingungen für seine erneute Spitzenkandidatur diktieren. Seine Ablehnung einer Doppelspitze mit Wagenknecht steht dabei zweifellos an oberster Stelle. Co-Parteichef Bernd Riexinger wehrte sich am Montag freilich gegen den Eindruck, dass die Würfel schon gefallen sind.

"Die Zeit der einsamen Häuptlinge und Entscheidungen ist vorbei", meinte der Baden-Württemberger. Die Spitzenkandidaten würden im Vorstand nominiert und "nirgendwo sonst".

Um die radikalen Parteilinken nicht zu brüskieren, kursiert bereits eine Kompromiss-Variante: Gysi zu Seite könnte ein "Kompetenzteam" gestellt werden, dem neben dem obersten Partei-Realo Dietmar Bartsch auch Wagenknecht angehört. Womöglich wird dieses Modell schon am Tag nach der niedersächsischen Landtagswahl parteioffiziell verkündet - um mit der Personalie das parlamentarische Aus möglichst schnell vergessen zu machen, das den Linken nach allen Prognosen in Hannover droht.