Seit Einführung des Amtes im Jahr 1959 sind nie so viele Klagen auf dem Schreibtisch des „Kummerkastens“ der Truppe gelandet wie im vergangenen Jahr: 6436 „Vorgänge“ , 32 Prozent mehr als 2001. „Und der Trend hält an“ , erklärte Penner gestern in Berlin bei der Vorstellung seines Jahresberichtes. In den ersten beiden Monaten gab es bereits 1195 Eingaben, rund 13 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2001. Vor allem die wachsende Zahl der Auslandseinsätze macht den Soldaten zu schaffen.

Beschwerden über Schuhwerk
Insgesamt sind es „die großen und kleinen Sorgen“ und zwar „breit gefächert“ , um die sich Penner kümmern muss. Zum Beispiel darum: Soldaten beschwerten sich über den Befehl, Piercings entfernen zu müssen. Vorgesetze fragten dagegen, ob eine solche Anordnung zulässig sei. Der Wehrbeauftragte konnte für Klarheit sorgen - sichtbare Piercings seien kein dezenter Schmuck und dementsprechend von der Haut zu entfernen.
Oder: Leichte Bergstiefel gehören zur Ausstattung der Gebirgstruppe. An 50 Soldaten in Mazedonien wurden diese Stiefel aber nicht ausgegeben, weil sie nicht zu dieser Truppengattung gehörten - obwohl sie im Gebirge im Einsatz waren. Erst nach mehrfacher Aufforderung bekamen die Soldaten das notwendige Schuhwerk. Zu den im Bericht enthaltenen „Kümmernissen, Schwächen, Ärgernissen“ (Penner) gehören allerdings auch 75 Fälle von Verstößen gegen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, unter denen vor allem Soldatinnen zu leiden hatten, sowie 65 Eingaben von Truppenangehörigen, die sich gemobbt fühlten.
Den größten Block von fast 2000 Eingängen machten Personalangelegenheiten der Zeit- und Berufssoldaten aus. Den höchsten Zuwachs gab es laut Wehrbeauftragten jedoch im Zusammenhang mit Auslandseinsätzen, denn sie zehren nach Ansicht des Wehrbeauftragten inzwischen besonders an den Nerven der Truppe. Die Zahl der Eingaben gegenüber 2001 stieg um 100 Prozent auf 1150 Vorgänge an. 450 Soldaten hatten Fragen zum Auslandsverwendungszuschlag, der die mit dem Einsatz verbundenen Belastungen ausgleichen soll. Penner machte deutlich, dass sich die Teilnahme an Einsätzen fern der Heimat mittlerweile zur Normalität entwickelt habe. Die Familien blieben davon nicht „unberührt“ , weshalb die Einsatzdauer von sechs Monaten vielen Soldaten zu lange sei. Sie plädierten für drei bis vier Monate. So beklagten sich Ehefrauen, während der Abwesenheit des Vaters mit der Kindererziehung überfordert zu sein. Sie klagten über Depressionen, Ohnmachtsgefühle und nervliche Krisen. Auch nach der Rückkehr aus dem Einsatzgebiet sei es zu Schwierigkeiten gekommen. Zum Beispiel stellten Väter eine Entfremdung von Frau und Kindern fest.
In den Jahren 2001 und 2002 wurden insgesamt 382 Vorkommnisse mit Verdacht auf einen rechtsextremistischen oder fremdenfeindlichen Hintergrund gemeldet. Bei den Vorkommnissen handelte es sich durchweg um Propagandadelikte wie das Zeigen des „Hitlergrußes“ , Schmierereien sowie das Abspielen von entsprechender Musik. Viele Täter seien alkoholisiert gewesen.

Selbstmord-Fälle
Im Berichtsjahr wurden außerdem 32 Fälle gemeldet, in denen sich Soldaten wahrscheinlich selbst umgebracht hatten. Soweit eine Ursache festgestellt werden konnte, wurden die Selbstmorde aus persönlichen Gründen verübt, im Einzelfall gab es laut Bericht Probleme im dienstlichen Bereich.
Darüber hinaus gab es auch spezielle Klagen - wie von Soldaten am Horn von Afrika: Sie beschwerten sich vor allem über die unzureichende Klimatisierung der Schiffe. Aus fast allen Einsatzgebieten gab es Kritik im Hinblick auf die klimagerechte Ausstattung der dortigen Einheiten.
Einige Soldaten beanstandeten auch, dass sie als Vegetarier oder bei der Beachtung religiöser Speisevorschriften Probleme hätten. Hier besteht laut Bericht Verbesserungsbedarf.
Viel zu wenig bekannt sei, so Penner, dass die Bundeswehr im Inland „massiv“ die Auswirkungen der Auslandseinsätze zu spüren bekomme. Die Truppe habe mit einer „zunehmenden Grenzbelastung“ zu kämpfen. Bei der anstehenden „tiefgreifenden Strukturreform“ dürften die Soldaten daher nicht überstrapaziert werden.
Ebenso klar sprach sich Penner dafür aus, die um zehn Prozent geringeren Ostbezüge „unverzüglich“ auf Westniveau zu bringen. 15 603 der 29 716 Soldaten in den neuen Ländern sind davon betroffen.