Die Z ahlen sind ernüchternd: Die beiden "großen" Parteien in Deutschland, SPD und CDU/CSU, haben in den zurückliegenden zweieinhalb Jahrzehnten einen kontinuierlichen Vertrauensschwund zu verzeichnen. In den alten Bundesländern gaben bei der Bundestagswahl 1983 noch mehr als drei Viertel (76,8 Prozent) aller Wahlberechtigten SPD oder Union ihre Stimme. Vor vier Jahren sank der Anteil der beiden zusammen auf nur noch 42,1 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil aller sonstigen Parteien von 11,5 auf 29,2 und der der Nichtwähler von 11,7 auf 28,7 Prozent. Bei Landtags- und Kommunalwahlen ist die "Partei der Nichtwähler" noch größer .

Für Politikwissenschaftler Peter Matuschek von der Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen (Forsa) gibt es keine einfachen und allgemeingültigen Erklärungsmuster für diese Entwicklung. Beim Vattenfall-Talk mit RUNDSCHAU-Chefredakteur Johannes M. Fischer verweist der Forsa-Bereichsleiter, der seinen erkrankten Chef Manfred Güllner vertritt, auf zwei aktuelle Studien. "Nichtwähler gibt es in allen gesellschaftlichen Schichten", erläutert Matuschek. Überproportional seien sie aber in sozial schwächeren Gruppen anzutreffen.

Und der Forsa-Experte verweist darauf, dass sich die meisten Nichtwähler als "Wähler im Wartestand" sehen. Sie seien durchaus politisch interessiert und informiert. Für ihre Wahlenthaltung gebe es überwiegend politische Gründe. "Widerlegt haben wir, dass es die Zufriedenheit mit der Lage wäre, die sie von der Wahlurne abhält", lenkt Matuschek auf die Studienergebnisse. "Das Hauptmotiv ist die Unzufriedenheit."

Statt Energiewende, Atomausstieg und Stuttgart 21 heißen die Themen der Nichtwähler: gute Bildung für alle, gesicherte Altersvorsorge, gutes Gesundheitssystem und Sicherung von Arbeitsplätzen. Darin sehen die Wahlforscher Ansätze, der Wahlverweigerung zu entgegnen. Zudem liefert Forsa die Aufforderung an die Parteien nach einer "kümmernden Politik" mit. 87 Prozent wollen Politiker und Parteien, die "wieder ein Ohr für die wirklichen Sorgen und Nöte der Menschen haben".

Nimmt man noch die Erkenntnis dazu, dass Nichtwähler vor allem aus den unteren sozialen Schichten stammen, eine geringe Schulbildung und ein geringes Einkommen haben, dann führen die Erkenntnisse nach Forsa im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung zu einer "Schieflage in der politischen Repräsentanz", die sich verschärfe. Das Fazit der Wahlforscher ist ein Alarmsignal für die Politik: Obwohl mehr soziale Gerechtigkeit angestrebt werde, führe eine niedrige Wahlbeteiligung unweigerlich auch zu mehr sozialer Ungerechtigkeit.

Weiter Informationen zu dem Thema

Nichtwähler in Deutschland von Manfred Güllner Forsa: Wähler und Nichtwähler zu Beginn des Wahljahres 2013