Schon der Ort, von dem aus Berlusconi in der Vorwoche die Offensive startete, war nicht nur für einen Regierungschef höchst ungewöhnlich: die Anklagebank im Mailänder Gerichtssaal, wo ihm wegen des Vorwurfs der Richterbestechung der Prozess gemacht wird. Richter, Staatsanwälte, Journalisten, Oppositionspolitiker, selbst EU-Kommissionspräsident Romano Prodi - niemand entkommt derzeit den Angriffen des 66-jährigen Ministerpräsidenten und einflussreichen Medienunternehmers.
"Nie wie in diesen Tagen hat Silvio Berlusconi den Furcht erregenden Eindruck gemacht, zu allem fähig zu sein, nur um seine Macht zu erhalten und auszuweiten", schrieb die Berlusconi-kritische Tageszeitung "La Repubblica". Tatsächlich lässt die Intensität von Berlusconis Rundumschlägen alles bisher da Gewesene verblassen.
Nach den Mitarbeitern der Justiz, denen er seit Jahr und Tag vorwirft, ihn zu verfolgen, nahm er jetzt auch jene Journalisten ins Visier, die nicht so berichten, wie er es sich wünscht. Anlass waren Berichte über einen Mann, der Berlusconi vor dem Gerichtssaal verbal attackiert hatte. "Stellt seine Identität fest, ich will ihn verklagen", hatte Berlusconi wutentbrannt reagiert. Vor allem die Berlusconi-kritischen Medien hatten ausführlich über den Zwischenfall berichtet.
Die Abgeordneten von Berlusconis Partei Forza Italia schossen in der hitzigen Atmosphäre sogar übers Ziel hinaus und forderten strengere Strafen für Journalisten - sie sollten wegen Verleumdung zu Haftstrafen von bis zu drei Jahren verurteilt werden können, schlugen die Abgeordneten in einer Parlamentskommission vor. Selbst Justizminister Roberto Castelli, der im Auftrag Berlusconis die ihn anklagenden Staatsanwälte und über ihn richtenden Richter zur Räson bringen soll, bezeichnete den Vorstoß als unerhört.
Wirklich gefährlich können Berlusconi die Journalisten kaum werden, da die größten privaten TV-Sender ihm selbst gehören und er auch Einfluss auf die staatlichen Sender und auf einen Teil der Presse hat. Viel dringender ist für Berlusconi ein Gesetz, das Prozesse gegen Parlamentarier und Regierungsmitglieder verhindert. "Italien ist das einzige Land, in dem Politiker keine Immunität vor Strafverfolgung haben", lautet sein Argument.
Das geplante Gesetz würde den Korruptionsprozess gegen ihn rechtzeitig vor der Urteilsverkündung blockieren. Der Versuch, durch ein neues Gesetz das Verfahren an einem anderen Ort neu aufrollen zu lassen, war zuvor gescheitert. Berlusconi will nach Ansicht von Beobachtern in letzter Minute verhindern, dass seine Probleme mit der Justiz die am 1. Juli beginnende sechsmonatige EU-Ratspräsidentschaft Italiens überschatten.