Stolze 91,6 Prozent der Delegierten haben den Niedersachsen im SPD-Vorsitz bestätigt. Das ist zwar ein bisschen weniger als vor zwei Jahren, aber für Gabriels Umfeld immer noch ein sensationelles Resultat. „2009 war eine Ausnahmesituation, heute wäre schon alles über 80 Prozent ein gutes Ergebnis gewesen“, sagt ein Vertrauter des Chefs.

Das ist zwar tiefgestapelt. Aber im Herbst 2009 hätten die Genossen wohl sogar an einem Besenstil Halt gesucht, nur um das Desaster bei der Bundestagswahl zu bewältigen. So verstört und orientierungslos war die SPD.

Auf dem Parteitag in Berlin fährt Gabriel nicht nur den Lohn dafür ein, dass er die SPD in ruhiges Fahrwasser gesteuert hat und Geschlossenheit bei den Genossen neuerdings keine leere Floskel mehr ist. Er redet sich auch in das Herz und die Seele der Delegierten – ursozialdemokratisch und kämpferisch. Eineinhalb Stunden lang entwirft der 52-jährige Niedersachse das Bild einer SPD, die kaum noch etwas mit der Agenda 2010 und ihrem Schöpfer Gerhard Schröder verbindet. Die Partei habe „Fehler“ gemacht, etwa als sie der Leiharbeit Tür und Tor öffnete, sagt Gabriel. „Nie wieder darf eine sozialdemokratische Partei den Wert der Arbeit infrage stellen. Und nie wieder dürfen wir uns so weit von den Gewerkschaften entfernen.“ Spätestens an dieser Stelle liegt Gabriel der Parteitag zu Füßen.

Und es bleibt nicht bei dieser Breitseite gegen die Schröder-SPD. „Sonntagsreden und Sonntagsinterviews helfen uns nicht weiter“, erklärt Gabriel. Scheinbar eine harmlose Formulierung. Aber jeder im Saal weiß, dass damit aktuelle Äußerungen des Altkanzlers wider jegliche Steuererhöhungen gemeint sind.

Gabriel spricht dagegen vom „Mut zu größerer Steuergerechtigkeit“. Schließlich soll die Partei eine Anhebung des Spitzensteuersatzes von 42 auf 49 Prozent beschließen. Das sei kein „Sozialneid“, sondern „sozialer Patriotismus“. Allerdings darf man es dabei nicht gar zu sehr übertreiben. Auch das macht Gabriel klar.

So wollen zum Beispiel die Jusos den Spitzensteuersatz gleich wieder auf 53 Prozent schrauben. Wie zu Zeiten Helmut Kohls. So weit sei es schon gekommen, dass er den Parteinachwuchs davon abhalten müsse, „zu konservativ zu werden“, kontert Gabriel. Ein gelungener Witz. Die Genossen johlen vor Begeisterung. Wer einen Parteitag so in Verzückung bringen kann, der kann auch Kanzlerkandidat. Mag alle Welt da draußen Steinbrück favorisieren. Oder vielleicht auch Steinmeier. Mit Gabriel ist ebenfalls zu rechnen.

Auch das ist die Botschaft dieses furiosen Auftritts. Passend dazu kursieren auf dem Parteitag Spekulationen, wonach Gabriel den linken Parteiflügel heimlich ermuntert haben soll, beim Abkassieren der Reichen noch draufzusatteln, um damit Ex-Finanzminister Steinbrück im Kandidatenrennen zu schwächen. Dafür gibt es viele Hinweise. Fakt ist aber auch, dass Gabriel davon bei der letzten Vorstandssitzung vor dem Parteitag wieder abgerückt ist.

Dort verlangte er, dass die komplette Führung hinter dem Leitantrag des Vorstands zum Thema Finanzen stehen müsse, über den am Dienstag abgestimmt wird. Bei der Bestimmung des Zeitpunkts der Kandidatenkür spielt offenbar die Landtagswahl in Niedersachen am 20. Januar 2013 eine zentrale Rolle. Offiziell sagt Gabriel in seiner Rede, Ende 2012 oder Anfang 2013 werde er einen Vorschlag machen, „und dann entscheidet die Partei“. Tatsächlich soll aber vermieden werden, dass der Kandidat durch eine eventuelle Niederlage in Niedersachsen gleich zu Beginn des Bundestagswahljahres beschädigt wird. Deshalb will man den Urnengang abwarten. Nur wenn sich Ende 2012 ein sozialdemokratischer Wahlsieg abzeichne, werde man den Kandidaten kurz vorher benennen, „um den Rückenwind mitzunehmen“, heißt es in Parteikreisen.

Niedersachsen war schon einmal bei einer Kanzlerkandidatenkür der SPD entscheidend gewesen. 1998 gewann dort Gerhard Schröder die Landtagswahl haushoch, nachdem er sie zu einer Art Plebiszit in der Konkurrenz mit dem damaligen SPD-Parteichef Oskar Lafontaine erklärt hatte. Gabriels hervorragender Tagesform ist es übrigens wohl auch zu verdanken, dass Generalsekretärin Andrea Nahles bei ihrer Wiederwahl mit einem leidlichen Ergebnis davonkommt. Wegen der Parteireform grollen noch viele Delegierte mit ihr.

In Gabriels Rede findet Nahles mehrfach positive Erwähnung. Als die 73,2 Prozent für sie aufleuchten, ist Gabriel der Erste, der ihr gratuliert. Ein Vorsitzender und eine Generalsekretärin zwei Jahre halbwegs unangefochten im Amt – das hat die SPD schon lange nicht mehr gehabt.