Versöhnlich im Gedenken, aber knallhart im Ton: Kremlchef Wladimir Putin hat bei einem Staatsakt für die Schlacht um Stalingrad an den mit unermesslichem Leid errungenen Sieg erinnert. Der Triumph im gnadenlosen Gefecht gegen die Wehrmacht sei ein Symbol für die Unbeugsamkeit Russlands, ruft Putin im Sportpalast von Wolgograd, wie Stalingrad seit 1961 heißt, russischen und deutschen Ehrengästen zu.

Sirenen heulen auf, Scheinwerferlicht irrt durch den Saal, und Komparsen in Uniformen spielen in einer martialischen 3-D-Show die Schlacht nach. Russland feiert den 70. Jahrestag des Sieges in Stalingrad - und berauscht sich wohl auch an alter Größe.

Sogar die Stadt trägt wieder für einen Tag ihren alten Namen nach Sowjetdiktator Josef Stalin. Sowjetfahnen im eisigen Wind der Hauptstraße und Soldaten in Uniformen der Roten Armee: 70 Jahre nach der vermutlich blutigsten Schlacht des Zweiten Weltkriegs ist an der Front von damals für kurze Zeit alles wie früher. Auf dem Platz der Gefallenen Kämpfer marschieren Hunderte Soldaten in Uniformen mit dem Sowjetstern durch den Schneematsch, ein historischer T-34-Panzer rollt dröhnend vorbei. "Ehre sei Stalingrad" ruft Vizeregierungschef Dmitri Rogosin von einer Tribüne den rund 20 000 Zuschauern der Parade zu. In einen Pelzmantel gehüllt, die Brust voller Orden und mit Tränen auf beiden Wangen legt der 92-jährige Alexander Prikaschtschikow Blumen nieder vor der Ewigen Flamme.

Als vor 70 Jahren, am 2. Februar 1943, die Deutschen an der Wolga kapitulierten, waren in der Schlacht insgesamt mehr als 700 000 Soldaten umgekommen. Heute leben nach Angaben des Politologen Stanislaw Anisch tschenko in Wolgograd noch 481 Stalingrad-Kämpfer - unter meist erbärmlichen Umständen.

Etwa 40 Kilometer nordwestlich von Wolgograd sind 56 000 Deutsche auf dem Soldatenfriedhof von Rossoschka begraben. Von weiteren mehr als 55 000 Wehrmachtstoten sind nur die Namen in Granit eingraviert. Ihre Leichen wurden nie gefunden. Mehr als 100 mannshohe Granitwürfel stehen in der kargen Ebene.

"Für viele Deutsche steht Stalingrad wie Auschwitz für den Tiefpunkt deutscher Geschichte", sagt der Historiker Sergej Tarkowski. In Russland dagegen nutze der Kreml den sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Vor allem Jugendliche in Wolgograd klagen aber, dass die Millionenstadt zu sehr in der Vergangenheit lebe und sich nicht um ein positives Image bemühe.