Es war nur eine Frage der Zeit, wann der Name Bodo Ramelow fallen würde. So viel Aufmerksamkeit hatte Bundespräsident Joachim Gauck vor wenigen Wochen mit seinen Bedenken gegen die rot-rot-grüne Regierung in Thüringen gefunden, dass das Thema an diesem Mittwoch in Berlin nicht auszublenden war.

"Recht und Gerechtigkeit - der Umgang mit dem SED-Unrecht im vereinten Deutschland" hieß der Titel der Podiumsdiskussion.

Natürlich ging es nicht nur um Thüringen. Sondern auch um den berühmten Satz der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley: "Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat." Warum gab es über 200 000 politische Häftlinge in der DDR und Zigtausende in sowjetischen Lagern, aber nur 40 Haftstrafen ohne Bewährung für Verantwortliche? Diese Frage stellt gleich zu Beginn Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Mit Gauck auf dem Podium: der ehemalige Verfassungsgerichts-Präsident Hans-Jürgen Papier, die DDR-Oppositionelle Vera Lengsfeld und der Schriftsteller Jakob Hein. Der frühere DDR-Pastor Gauck ist ganz in seinem Element. Eigentlich müsste er zwei Stunden reden, sagt er. "Das hebe ich mir für eine andere Gelegenheit auf."

Der Bundespräsident bricht eine Lanze für die Justiz. "Der Rechtsstaat ist nur dann stark, wenn er seinen eigenen Regeln treu bleibt." Selbst die Haftentlassung des ehemaligen SED-Chefs Erich Honecker aus Gesundheitsgründen sei rechtsstaatlich geboten gewesen, sagt Gauck. Dem widerspricht wenig später Papier: Das Verfahren gegen Honecker einzustellen hält er für eine Fehlentscheidung.

Die erste Frage an Gauck geht dann aber doch in Richtung Thüringen. Ramelow habe die Aufarbeitung des DDR-Unrechts zur Chefsache erklärt. "Zerstreut das Ihre Bedenken?", fragt Moderatorin Anne Raith. "Er ist jedenfalls dabei, das zu tun", sagt Gauck doch ein bisschen überraschend. Zu seiner und anderer Kritik an Rot-Rot-Grün betont er: "Das gehört zu unserem demokratischen Alltag." Und wenig später: "Wir wollen doch nicht einfach Linken-Bashing betreiben." Allerdings müsse Ramelow nun beweisen, dass er es ernst meine mit der Aufarbeitung des DDR-Unrechts.

Davor hat die ehemalige Grünen- und spätere CDU-Abgeordnete Lengsfeld Ramelow vorgeworfen, er respektiere die Gesetze nicht, weil er 2010 an einer ungesetzlichen Blockade teilgenommen habe. Auf diese Debatte will sich niemand auf dem Podium einlassen.

Aber der Staatsrechtler Papier findet es immerhin "besorgniserregend", dass eine Partei, die aus der SED hervorgegangen sei, im Osten Deutschlands zur "linken Volkspartei" werden konnte.

Zurück zum Umgang des Rechtsstaats mit dem DDR-Unrecht. "Am Anfang war Enttäuschung", räumt Gauck ein, auch er habe die Möglichkeiten der Justiz zunächst überschätzt. Eine Studentin erzählt von ihrer katholischen Mutter, die in der DDR nicht lernen durfte, was sie wollte und bis heute todunglücklich sei in ihrem Beruf. Gibt es eine Rehabilitierung oder Entschädigung für Menschen, deren Biografie zerstört worden ist?

Gauck kennt das aus der eigenen Familie. Seine Kinder mussten zum Studium in den Westen, damals gegen den Willen des Vaters. Man müsse solchen Menschen sagen: "Toll, dass es euch gab." Als es dann um das schwierige Thema der Beweislastumkehr geht, um Menschen etwa für gesundheitliche Folgen der Haft entschädigen zu können, sagt Gauck vorsichtshalber: "Das ist mir zu juristisch." Ins operative Geschäft, das hat er nach fast drei Jahren im Amt gelernt, wolle er sich nicht einmischen.