Die Herren Abgeordneten der größten Oppositionsfraktion belieben neuerdings zu scherzen. "Es geht aufwärts, Jungs", feixt der Osnabrücker Georg Schirmbeck auf dem Weg in den Fraktionssaal den wartenden Journalisten zu. "SOS", sagt ein anderer kurz vor Beginn der Sondersitzung - "Sieg oder Sibirien!", ruft er. Wer damit nach den Bundestagswahlen gemeint ist, ob Gerhard Schröder oder die eigene Frontfrau Angela Merkel, bleibt offen.
Noch nie, berichtet nach der eilig einberufenen Unions-Sondersitzung der Saarländer Albrecht Feibel, habe er in den sechs Jahren als Bundestagsabgeordneter eine "solche Stimmung" erlebt. "Bombastisch" sei zu Beginn der Applaus für die Vorsitzende ausgefallen. Die Union im Überschwang, die Glückshormone spielen verrückt, weil nach dem historischen Sieg in Nordrhein-Westfalen nun der Wechsel im Bund von den harten Oppositionsbänken wieder auf die gut gepolsterten Regierungsstühle greifbar nahe ist. "Ich glaube nicht, dass wir noch über unsere eigenen Beine stolpern", ist CDU-Wirtschaftsexperte Matthias Wissmann sicher, dass die neue Geschlossenheit anhält. Und weil das alle glauben, wird das Fell des Bären verteilt, bevor er erlegt ist.
Angela Merkel hat alle Mühe, ihre Truppe im Zaum zu halten und mahnt eindringlich, "mit den Füßen auf dem Boden" nicht übermütig zu werden. Als sie später vor der Presse steht und gefragt wird, "Frau Merkel, wo sehen sie denn ihre Stärken gegenüber dem Kanzler?" wendet sich die Ostdeutsche ab und überlässt CSU-Landesgruppenchef Michael Glos die Antwort: "Überall!", rutscht es dem forschen Bayern heraus. Selbstbewusster als in diesen Tagen hat man die Union noch nicht erlebt. Jetzt, wo plötzlich alle Zeichen auf den Wechsel hin zu Schwarz-Gelb stehen, gibt es anscheinend auch keinen mehr, der nicht seinen Frieden mit der Protestantin an der Partei- und Fraktionsspitze gemacht hat; die man früher doch gerne hinter vorgehaltener Hand kritisierte - zu weich, zu ostdeutsch oder zu un-telegen, hieß es. Jetzt hat sich de r Wind gedreht: Angela Merkel, Superstar. Fragt sich nur, wie lange.
Die Aussicht auf Macht macht vielen Hoffnung auf einen der lang ersehnten Posten - Enttäuschungen sind also programmiert. Viele schweigen und genießen. Berlin mausert sich derweil zur Hauptstadt der Personalspekulationen und auch über den kommenden Montag hinaus wird das so bleiben, denn nach der gemeinsamen Präsidiumssitzung von CDU und CSU will Kanzlerkandidatin Merkel nur eine Kerntruppe vorstellen.
Viele Gerüchte ranken sich derzeit um Edmund Stoiber. Der bayerische Ministerpräsident taktiert wie kaum ein anderer. Vertraute berichten, er werde bei einem Wahlsieg auf alle Fälle nach Berlin wechseln - als Superminister für Wirtschaft und Finanzen; Merkel freut's, der blonde Bayer wäre dann insbesondere für die unangenehmen Dinge verantwortlich. Bevor er sich offiziell äußert, will der CSU-Mann aber erst die Nachfolge im Amt des Ministerpräsidenten geklärt sehen - es streiten sich Staatskanzleichef Erwin Huber und der bayerische Innenminister Günther Beckstein, der neben CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach wiederum als neuer Bundesinnenminister in einem Kabinett Merkel gehandelt wird.
Dem FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle wird nachgesagt, er wolle dann einen Ministerposten anstreben, wenn Stoiber dies tue - im Gespräch ist das Justizressort. Wolfgang Gerhardt, FDP-Fraktionschef, lässt wissen, dass sein Interesse an Außenpolitik ja bekannt sei, er dürfte somit unter Angela Merkel neuer Außenminister werden. Als zweiter Superminister nach Stoiber wird in Berlin der saarländische Ministerpräsident und Merkel-Verbündete Peter Müller heiß gehandelt - für Arbeit, Soziales, und Gesundheit. Als sicher gilt, dass nach einem Wahlsieg der Union CSU-Landesgruppenchef Michael Glos das Verteidigungsressort übernimmt. Darüber hinaus pfeifen es die schwarzen Spatzen inzwischen von den Dächern, dass CDU-General Volker Kauder Kanzleramtsminister werden soll.
Neben den Platzhirschen gilt die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan als erste Anwärterin für den Job der Bildungsministerin, die niedersächsische Sozialministerin Ursula von der Leyen soll wohl Familienministerin werden.