Herr Bofinger, ist die Finanzkrise nun auch in Deutschland angekommen?

Nein. Die deutschen Landesbanken sind absolut sicher.

Warum dann die Herabstufung?

Die staatliche Unterstützung einer öffentlichen Bank, die in Schieflage gerät, ist aus Sicht der Bonitätsprüfer unsicherer geworden. Aber aus politischer und ökonomischer Sicht werden die Länder immer voll dafür aufkommen. Alles andere halte ich für völlig ausgeschlossen.

Immerhin kratzt auch Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker am Nimbus Deutschlands. Er hält die Staatsschulden der Bundesrepublik für „besorgniserregend“ hoch. Ist das alles nur Panikmache?

Hinter dieser Aussage steckt offenbar die Frustration von Herrn Juncker über die deutsche Politik bei der Euro-Rettung. Und das kann man auch verstehen. Das Krisenmanagement der Bundesregierung ist schlicht zu zögerlich. Und sie kommt immer zu spät. Auf diese Weise ist bei den Märkten sogar das Vertrauen in Staatsanleihen geschwunden.

Die Schuldenquote Spaniens ist deutlich niedriger als die von Deutschland. Da liegt Juncker doch nicht verkehrt.

Aber Deutschland ist ein leistungsstarkes Land und wird weltweit als sicherer Hafen angesehen. Die deutsche Schuldenstandsquote ist viel problemloser zu verkraften, weil die deutsche Wirtschaft in einer erheblich besseren Verfassung ist als die spanische.

Auch Frankreich gilt als wirtschaftlich solide. Trotzdem kann es seine Staatsanleihen nur noch um den Preis gestiegener Zinsen am Markt platzieren. Steht die ganze Rettungsschirmpolitik vor dem Scheitern?

Zweifellos hat die Politik zur Verunsicherung der Märkte beigetragen. Deshalb muss man über andere Lösungen nachdenken. Ein Weg wäre der kürzlich vom Sachverständigenrat vorgeschlagene Schuldentilgungspakt. Er sieht eine zeitweilige Haftung aller Euro-Länder füreinander vor, um Vertrauen bei den Märkten zurückzugewinnen.

Davon will die Bundesregierung aber nichts wissen.

Warten wir's ab. International findet unser Vorschlag zunehmend Beachtung.

Trotzdem bleibt der Eindruck bestehen, dass sich die Finanzkrise scheinbar unaufhaltsam ausbreitet.

Wir haben eine ähnliche Situation wie im Jahr 2008, als Anleger um ihre Bankeinlagen fürchteten und die Situation nur stabilisiert werden konnte, weil sich die Politik zu einer uneingeschränkten Garantie der Bankeinlagen bereit erklärte. Heute steigen immer mehr Anleger aus Staatsanleihen aus. Also liegt es auf der Hand, eine umfassende Garantie für Staatsanleihen abzugeben.

Und wie geht das?

Eine Möglichkeit wäre die schon erwähnte gemeinsame Haftung. Wenn das zu lange dauert, kommt nur noch die Europäische Zentralbank als Rettungsanker in Betracht, indem sie weiter Staatsanleihen aufkauft und so die Situation stabilisiert.

Nach Griechenland soll nun auch Italien drastisch sparen. Geht das in Ordnung?

Es ist eine Illusion zu glauben, dass solche Länder aus der Krise herauskommen, wenn ein Sparprogramm das andere jagt. Italien jedenfalls steht gar nicht schlecht da. Wenn man die Zinsen abzieht, hat es sogar Haushaltsüberschüsse. Und es verfügt schon über Programme für eine deutliche Reduzierung des Defizits. Alles darüber hinaus wird die Konjunktur erst recht abwürgen. Wenn so etwas trotzdem kommt, dann zeigt das nur, wie die Staaten von den Märkten getrieben sind.