Trotzdem ist es für sie wie für die meisten jungen Menschen in Russland selbstverständlich, ihr Russisch mit englischen Worten zu durchsetzen - besonders, wenn sie SMS tippen. Nicht nur im Westen Europas, auch im Osten sind englische Ausdrücke längst Bestandteil der täglichen Kommunikation. Die Sprache Shakespeares erobert Puschkins Heimat. "Alle gesellschaftlichen Gruppen, von der Polizei bis zu tadschikischen Gastarbeitern, benutzen Anglizismen", schreibt ein Blogger in einer Online-Debatte über die Sprache der russischen Internetnutzer.

Virtuell und auch real
Aber nicht nur in der virtuellen, auch in der realen Welt sind Anglizismen allerorten zu hören. Politiker engagieren "Imiedsch-Makers", wenn sie an ihrem öffentlichen Auftritt arbeiten wollen. Bei ungewissem Ausgang ist von "fifty-fifty" die Rede und die Jugend nimmt gerne einen "drink". Wer nicht dazu eingeladen wird, ist vermutlich ein "looser".

Englisch in Kombinationen
Russisch ist eine für Ausländer schwer verständliche Sprache. Ein bisschen Englisch könnte helfen, das Land für Besucher aus dem Ausland zu öffnen, wäre eine nahe liegende Vermutung. Russen leihen sich aber englische Worte, um sie dann ihrer eigenen Grammatik zu unterwerfen, sie mit russischen Vokabeln zu kombinieren und so auszusprechen, dass englische Muttersprachler Mühe haben, ihre Sprache darin wiederzuerkennen. Der Autor Sergej Minajew beispielsweise gab seinem neuen Roman den Titel "Duchless" eine Kombination aus dem russischen Wort "duch", das so viel bedeutet wie Geist, und der englischen Endung "less".
Entgegen der im Westen weit verbreiteten Vorstellung von einem verschlossenen Land, war Russland im 18. und 19. Jahrhundert bekannt für seine Offenheit gegenüber der Sprache und Kultur Europas. Russisch ist Teil der indoeuropäischen Sprachfamilie, das exotisch anmutende Alphabet schauten sich die Russen im Wesentlichen von den Griechen ab. Zum Beginn des 18. Jahrhunderts galt Deutsch als der letzte Schrei in der russischen Oberschicht.
Das 19. Jahrhundert war das goldene Zeitalter der russischen Literatur mit so berühmten Vertretern wie dem Nationaldichter Alexander Puschkin. Aber es war auch die Zeit, in der die gesamte herrschende Klasse sich auf Französisch unterhielt. Viele Aristokraten sprachen schlechter Russisch als ihre Diener.

1917 endete die Offenheit
Die Zeit der Offenheit endete mit der Machtübernahme der Kommunisten 1917, von da an wurden ausländische Einflüsse strikt geahndet. Erst Michail Gorbatschows Glasnost-Reformen öffneten die Sowjetunion wieder für den Rest der Welt.
Im nationalistischen Russland unter Präsident Wladimir Putin sind jedoch nicht alle glücklich über die englischen Einflüsse. Nationalisten sehen die "reine" russische Kultur bedroht. "Unsere Mentalität, unsere großartige, potente, wahre und freie Sprache ist eine Gefangene der westlichen Gedankenwelt, von Anglizismen und Slang", heißt es in einem Kommentar auf der Website der ultranationalistischen Gruppe Russkaja Ideja.

Einfluss nicht mehr zu stoppen
Der Einfluss des Englischen sei nicht mehr zu stoppen, sagen Experten. Linguistisch sei Russland nicht auf all die technischen und wirtschaftlichen Neuerungen vorbereitet gewesen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf das Land einströmten. "Nach der Öffnung zum Westen nimmt Russland wirtschaftliche, politische und kulturelle Neuerungen an und die damit verbundene Terminologie, meistens in Englisch", sagt Leonid Krysin, der Vizechef des Russischen Sprachinstituts in Moskau.
So heißt ein Börsengang auch in Russland nun IPO und die Filmindustrie spricht von 3 D Images, Marketing und Promotion - wenn auch mit russischem Akzent.