Wie die anderen der etwa 80 000 Gleichgesinnten, die sich am Samstag in der Innenstadt versammelt haben, trauert auch sie dem Mann nach, der in Den Haag wegen der schwersten nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa verübten Kriegsverbrechen angeklagt war. "Ich hatte 80 Liter Speiseöl und 50 Kilo Zucker in der Vorratskammer und Serbien war frei."
"Ich will das letzte Mal meinen Befehlshaber begrüßen", sagt ein pensionierter Major, der sich nostalgisch und mit einigen Tränen an die "guten Zeiten" erinnert. Er und seine Frau streiten sich seit langem mit dem 28-jährigen Sohn und der 23-jährigen Tochter wegen Milosevic. Die Kinder sind am Samstag wieder nicht mit den Eltern, sondern einige hundert Meter weiter auf einer Anti-Milosevic-Kundgebung, die, zeitgemäß per SMS-Botschaften angekündigt wurde.
"Frühling drei Tage früher - Damit sich Milosevic niemals wiederholt" lautetet die Botschaft auf den Handys. Etwa 3000 gut gestimmte Leute ließen Luftballons fliegen und hofften auf eine schönere Zukunft ohne den Geist des Diktators. "Die Welt soll wissen, dass es neben den Nationalisten auch ein anderes Serbien gibt, das mit sich und der Welt in Frieden leben möchte", sagt ein Architektur-Student.
Anders war die Stimmung bei den Trauernden vor dem Parlament. Eine etwa 60-jährige Frau ruft "Slobodan-Freiheit" und "Slobodan-Serbien". Das hat sie schon vor 18 Jahren gerufen, bei der ersten Milosevic-Kundgebung. Nun ist der mit Blumen geschmückte geschlossene Sarg Milosevics aufgebahrt auf einer Bühne vor dem ehemaligen Parlamentsgebäude des in blutigen Kriegen in mehrere unabhängige Republiken zerfallenen Jugoslawiens.
Als Ehrengarde um den Sarg wechseln sich ehemalige Milosevic-Mitarbeiter ab, Funktionäre seiner Sozialistischen Partei, pensionierte Offiziere in Uniform. Sie alle und die Redner aus dem "brüderlichen" Russland, die gegen das UN-Kriegsverbrechertribunal wettern, werden stürmisch begrüßt. "Russland, Russland", skandiert die Menge. Tränen bei den Trauernden fließen.
Ein ärmlich gekleideter Mann trägt drei große Farbposter. Darauf strahlen neben Milosevic die Gesichter zweier weiterer angeklagter Kriegsverbrecher, des ehemaligen Serbenführers in Bosnien, Radovan Karadzic und dessen Armeechefs Ratko Mladic. "Wir werden Mladic nie ausliefern", schreit der zahnlose Mann. "Die von der Nato gekauften Verräter, die seit 2000 an der Macht in Serbien sind, haben Angst selbst vor dem toten Milosevic." Die Menge pfeift und buht. In der Ehrengarde neben dem Sarg stehen inzwischen einige frühere Offiziere und Geheimdienstfunktionäre, die im Zusammenhang mit dem Djindjic-Mord verhört worden waren.
Geweint wurde auch viel bei der Beerdigung in Pozarevac, der Heimatstadt von Slobodan und seiner Frau Mirjana Markovic. Trauernde küssten den Sarg und die Schleifen der Trauerkränze. Gestern blieben die Umstände des Begräbnisses in Serbien Gesprächsthema. Denn nicht auf einem Friedhof, sondern im Garten des Familienhauses seiner Witwe und nicht tagsüber, sondern am frühen Abend unter Scheinwerferlicht, wurde Milosevic beerdigt. "Wir Serben machen so was nicht, nur Kanarienvögel werden im Hinterhof verscharrt", sagte eine Frau auf einem Belgrader Bauernmarkt.
Für Aufsehen sorgte der österreichische Schriftsteller Peter Handke mit seiner Teilnahme am Begräbnis. Er sei "glücklich", dass er sich heute in Serbien befinde und "Slobodan Milosevic nahe" sei, sagte Handke in seiner auf serbisch gehaltenen Rede. Er fügte hinzu, dass er die Wahrheit nicht kenne, er aber "zuhört, schaut und fühlt". In einem Interview der Belgrader Zeitung "Blic", warf er der serbischen Regierung vor, "prowestlich" zu sein, weil sie kein Staatsbegräbnis für Milosevic organisiert hatte.