Aleksandar Vucic ist der politisch starke Mann Serbiens. Der schlaksige Zweimetermann ist stellvertretender Regierungschef, Verteidigungsminister, Geheimdienstkoordinator, Chef der größten Partei SNS und damit der einflussreichste Spitzenpolitiker dieses Balkanstaates. Nie zuvor ist ein Politiker in Serbien so rücksichtslos gegen die allgegenwärtige Korruption vorgegangen. Der 42-Jährige ist damit zum mit Abstand beliebtesten Politiker seines Landes aufgestiegen. Bei seinem Berlin-Besuch vom heutigen Mittwoch bis Freitag will er aus seiner neuen Rolle Kapital schlagen.

In Gesprächen mit Bundesaußenminister Guido Westerwelle, Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière, führenden CDU- und SPD-Vertretern und bei Treffen im Bundestag und im Kanzleramt möchte er als Belohnung für seinen Reformeifer ein Ja Berlins zur Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit nach Hause nehmen. Denn gerade Deutschland war bisher skeptisch, ob der EU-Kandidat Serbien dafür bereits reif ist. Klarer als andere hatte die Bundesregierung Bedingungen für die weitere Annäherung Belgrads an Brüssel gestellt. Reformen in den Bereichen Justiz, Menschenrechten und Medien sowie nicht nur wie bisher Lippenbekenntnisse im Kampf gegen die überall grassierende Korruption.

Daneben soll Serbien sein Verhältnis zu seiner früheren Provinz regeln, dem heute selbstständigen und fast nur noch von Albanern bewohnten Kosovo.

Während Regierungschef Ivica Dacic in Brüssel mit seinem Kosovo-Amtskollegen Hashim Thaci verhandelt, will Vucic in Berlin seine Erfolge präsentieren: Ein Mediengesetz ist auf den Weg gebracht, mit dem sich der Staat aus dieser Branche zurückzieht. Ein Gesetz über öffentliche Aufträge wurde verabschiedet. Die Hauptarbeit von Vucic, der einst als Nationalist von sich reden machte, aber heute als kompromissloser Demokrat und Europäer ohne Wenn und Aber auftritt, ist die Korruptionsbekämpfung.

Die Ergebnisse seiner nur siebenmonatigen Amtszeit können sich sehen lassen. Dutzende Verhaftungen im Kriminalfall um die staatliche "Agrobanka" mit einer Schadenssumme von 300 Millionen Euro. Verfahren wegen Veruntreuungen im größten Stil gegen den ehemaligen Umweltminister. Miroslav Miskovic, der mit Abstand reichste Serbe, sitzt gemeinsam mit seinem Sohn ebenso in U-Haft wie der frühere Landwirtschaftsminister.