Die Nachbarn sind besorgt. Seit einem Tag wurde die ältere Dame aus dem Nebeneingang nicht mehr gesehen. Aus dem Briefkasten ragt die Tageszeitung, auf das Klopfen an der Tür reagiert sie nicht, die Fenster sind geschlossen. Und von einem geplanten Urlaub weiß niemand etwas. Ein Notruf geht raus.

"Die Polizei alarmiert dann die Feuerwehr, die vor Ort Zugang zu der Wohnung schafft", erklärt Ingo Worreschk, Kreisbrandmeister im Landkreis Oberspreewald-Lausitz. "Die Türnotöffnungen sind in den letzten Jahren stark angestiegen. Häufig finden die Kameraden ältere Personen vor, die zum Beispiel wegen Kreislaufproblemen umgekippt sind", erklärt Worreschk. Oft werde der Alarm aufgrund von Vermutungen von Nachbarn oder Angehörigen ausgelöst. Oder die hilflose Person konnte zwar noch eigenständig den Notruf wählen, selber aber nicht mehr die Tür öffnen.

Besonders im Landkreis Spree-Neiße haben sich die Alarmierungen zu Türnotöffnungen stark erhöht. In mehr als 100 Einsätzen mussten die ehrenamtlichen Kameraden im vergangenen Jahr "Zugang zu Wohnungen oder Gebäuden schaffen, um eine Gefahr für Leib, Leben und Gesundheit der Bewohner abwenden zu können", sagt Stefan Grothe, stellvertretender Kreisbrandmeister. Im Jahr 2014 waren es nur fast halb so viele Einsätze dieser Art.

Auch in den sächsischen Landkreisen Bautzen und Görlitz haben Hilfeleistungen wie Türnotöffnungen zugenommen. "Gleichzeitig sind Brandeinsätze erkennbar zurückgegangen", schildert Stefan Schumann, Leiter der Integrierten Regionalleitstelle Ost-sachsen. Die Verschiebung der Feuerwehr-Aufgaben habe mehrere Ursachen. Eine davon sei die erfolgreiche Präventionsarbeit, um die Brandentstehung von vornherein zu vermeiden.

Für die Zunahme der Feuerwehr-Hilfeleistungen sieht Werner-Siegwart Schippel, Präsident des Landesfeuerwehrverbandes Brandenburg, aber besonders die demografische Entwicklung in der Region als Ursache. "Die Zahl der über 65-Jährigen nimmt rasant zu. Während im vorigen Jahr die Anzahl der Feuerwehreinsatzkräfte in Brandenburg altersbedingt erstmals unter 40 000 Leute gesunken ist, werden es immer mehr Einsätze im Bereich der Hilfeleistungen", erklärt der bei Vetschau beheimatete Feuerwehrverbandschef.

Allein in Brandenburg leben nach Angaben des Statistik-Amtes mehr als 560 000 Menschen, die älter als 65 Jahre sind. Das sind rund 22 Prozent der Gesamtbevölkerung. Ab 2030 wird nach Prognosen jeder Dritte im Land Brandenburg im Seniorenalter sein. "Dementsprechend steigen natürlich auch die Altersrisiken", sagt Oliver Bürgel aus dem Vorstand des DRK-Landesverbandes Brandenburg. Hinzu komme, dass Senioren immer länger im eigenen Wohnraum bleiben möchten. "Das Leben in einer vollstationären Einrichtung ist nicht unbedingt eine Geldsache. Es gehört zur Lebensqualität, solange wie möglich im eigenen Haus zu bleiben", berichtet Bürgel. Und dennoch, betont er, würden die Senioren nicht alleine gelassen. Mit ambulantem Pflegedienst und Hausnotruf unterstützt das Deutsche Rote Kreuz die ältere Generation.

Dass der Hilfsbedarf bei Senioren wächst, beobachten auch die Mitarbeiter beim DRK-Kreisverband Lausitz mit Sitz in Senftenberg. "Serviceleistungen wie Essensauslieferungen werden sehr gut angenommen", betont DRK-Pflegefachbereichsleiterin Judith Gräser. Nur wenige Senioren, sagt sie, ziehen schon vorsorglich in betreute Wohnformen. "Oft kümmern sie sich erst darum, wenn der Ehepartner verstorben ist und sie plötzlich alleine sind."

Hinzu kommen unterschiedlich lange Wartezeiten nach der Anmeldung. Diese Entwicklung könne für die Senioren verheerende Folgen haben - und die Zahl der Feuerwehreinsätze in Wohnungen weiter steigern.

Kreisbrandmeister Worreschk sieht diese Entwicklung auch für die Feuerwehr kritisch, da die freiwilligen Kameraden oft vorschnell zum Einsatz gerufen werden. "Das ist eine Gradwanderung. Oft kommt es nur durch Vermutungen zu diesen Einsätzen. Die freiwilligen Feuerwehrkameraden werden sofort gerufen, ohne dass zunächst von Polizei oder Rettungsdienst eigenes Potenzial genutzt wird."

Oft werde nicht bedacht, besonders in der Nacht, dass freiwillige Feuerwehrkameraden zum Einsatz kommen, die alle am Morgen ihrer Arbeit nachgehen müssen. Worreschk appelliert, dass sich besorgte Nachbarn und Angehörige vor dem Notruf "so gut wie möglich informieren, ob eine Person wirklich in Gefahr oder nicht doch nur verreist ist".

Haben Sie Ideen und Anregungen, wie der Vereinsamung allein lebender Senioren in der Lausitz entgegengewirkt werden kann? Schreiben Sie uns unter aktion@lr-online.de

Zum Thema:
Die Feuerwehren in Südbrandenburg und Nordsachsen sind im vergangenen Jahr zu mehr als 11 000 Einsätzen ausgerückt. .Insgesamt gibt es in Südbrandenburg 55 Freiwillige Feuerwehren mit rund 14 000 aktiven Mitgliedern. Etwa 3600 davon sind Jugendliche. In den Landkreisen Bautzen und Görlitz sind insgesamt 112 Gemeindefeuerwehren gemeldet, die rund 15 000 Mitglieder zählen. Deutschlandweit existieren zurzeit 107 Berufsfeuerwehren. Ihre Aufstellung wird von den Brandschutzgesetzen der Bundesländer geregelt.