. Ein Glashaus neben einem Heizkraftwerk - das erinnert an die Nutzung von Abwärme für Gemüseanbau oder Fischaufzucht. Doch dafür sind die Dimensionen des durchsichtigen Gebäudes am Stadtrand von Senftenberg zu gewaltig. Nicht wegen der 270 Quadratmeter Grundfläche. Vielmehr sind es die fast zehn Meter Höhe, die Verwunderung auslösen. Doch dafür gibt es einen guten Grund. Im Inneren des lichtdurchfluteten Hauses mit Spitzdach befindet sich die bisher größten Algenreaktoren, welche die österreichische Firma Ecoduna jemals gebaut hat.

Algen mit Rauchgas füttern

Neben dem mit Braunkohlenstaub befeuerten Heizkraftwerk werden ab sofort Algen in dieser Versuchsanlage mit Rauchgas gefüttert. Der darin enthaltene Klimakiller Kohlendioxid (CO) wird von den Algen besonders gern verspeist und befördert ihr Wachstum um ein Vielfaches.

Das Versuchsprojekt der Vattenfall-Tochter GMB GmbH bildet die nahtlose Fortsetzung der laufenden Forschungsvorhaben an der Hochschule (FH) Lausitz und einem ersten Projekt auf dem Heizkraftwerksgelände. Während die Hochschule 150 Algenstämme unter Zugabe von technischem CO daraufhin untersucht, welcher Stamm am meisten Appetit auf das Klimagas hat und es am effektivsten verwertet, forscht die GMB bereits seit einem Jahr schon im anderen Großversuch in Flach-Platten-Airlift-Reaktoren mit Rauchgas des Kraftwerkes.

Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Die Mini-Röhrenreaktoren an der Hochschule haben ein für deren Zwecke ausreichendes Fassungsvermögen von 500 Litern. Dagegen wirken die etwa zwei Meter hohen Flachplatten-Reaktoren - ebenfalls unter Glas - gleich neben dem neuen transparenten Haus mit einem Gesamtvolumen von 2200 Litern schon gewaltig. Doch jetzt katapultiert sich die GMB mithilfe ihres österreichischen Partners auf 48 000 Liter: zwölf Module, von denen eine Platte zwei Meter breit und sechs Meter hoch ist. Sie richten sich automatisch nach der Sonne.

Franz Emminger, einer der Ideengeber der Ecoduna in Bruck bei Wien, leitet in Senftenberg die Aufbauarbeiten selbst. Er vergleicht die Effektivität der "hängenden Gärten" mit einem guten Segeltörn. "Da geht es um eine optimale Nutzung des Windes", sagt Emminger. "Bei uns richten sich die zwölf Module nach der Sonneneinstrahlung aus." Sie drehen sich mit der Sonne, um immer ein Optimum für die 3456 Quadratmeter Lichtoberfläche der Module zu erreichen, was sich unmittelbar auf das Algenwachstum auswirkt.

Wie die Österreicher grundlegende physikalische Gesetze in ihrer Anlage umsetzen, begeistert den Senftenberger GMB-Prokuristen Dr. Michael Strzodka. Aus seiner Sicht macht man sich in den "hängenden Gärten" das Gesetz der verbundenen Gefäße und das Airlift-Prinzip "auf geniale Weise zunutze". Strzodka, der von gut einer halben Million Euro Investitionskosten für die neue Anlage spricht, erhofft sich einen weiteren Schritt in Richtung großtechnischer Nutzung. Immerhin hätten die Zwischenergebnisse in der 2200-Liter-Anlage die Erwartungen erfüllt.

So habe es keinen Unterschied beim Algenwachstum auf der Basis von Rauchgas im Vergleich zur Beigabe von technischem, reinem CO gegeben. "Das ist für die zukünftige großtechnische Anwendung enorm wichtig", betont der Chef des Ingenieurbüros bei der GMB. Strzodka fügt hinzu, dass zudem die entstehende Biomasse die Grenzwerte etwa bei der Belastung mit Schwermetallen unterschreite. "Hinzu kommt, dass wir auf eine nahezu ausgeglichene Energiebilanz verweisen können", sieht Strzodka in der bisherigen Forschung einen großen Erfolg.

Kooperation mit Hochschule

Könnten Algen künftig die CCS-Technologie zur Abscheidung und unterirdischen Verpressung von Kohlendioxid, das in Kohlekraftwerken, Zementfabriken oder der Stahlindustrie in großen Mengen entsteht, übernehmen? "Jein", antwortet Michael Strzodka heute noch auf diese Frage. Zunächst sei es Ziel der GMB-Forschungen, eine eindeutige Antwort darauf zu geben, "ob sich Algen für diesen Zweck eignen. Und auch, welcher Algenstamm am ehesten dafür genutzt werden sollte". Dabei hilft das Algenscreening an der Hochschule, deren Wissenschaftler die Analyse des Algenwachstums im GMB-Reaktor vornehmen.

"Jein sage ich deshalb, weil mit unserer bestehenden Anlage ein großtechnischer Einsatz nur schwer vorstellbar ist", sagt Strzodka. Inzwischen aber seien nach der Ablehnung des CCS-Gesetzes durch die Länder einerseits "die Algen wieder stärker in den Fokus gerückt". Andererseits würden die "hängenden Gärten", die heute an den Start gehen, schon ein ganz anderes Kaliber darstellen. "Sie nutzen das eingespeiste Kohlendioxid zu einhundert Prozent aus", verbreitet Aufbauleiter Franz Emminger Optimismus für die zukünftige Anwendung.

Am Erfolg des Projektes, das bis September 2012 durch die Investitionsbank des Landes Brandenburg mit knapp einer Million Euro gefördert wird, lässt er keinen Zweifel. Den braucht Projektleiter Strzodka auch. Denn er sagt unumwunden, wohin der Weg der GMB mit den "hängenden Gärten" führen soll: "Wir wollen Algen-Kompetenzzentrum des Vattenfall-Konzerns werden."

Zum Thema:

Wofür Algen noch genutzt werdenAlgen sind der Ausgangsstoff einer Vielzahl wertvoller Substanzen, deren Einsatz sich von der Pharmaindustrie über die Kosmetik und bis zur Medizin erstreckt. Algen werden als Zusatz in Nahrungsmitteln und Tiernahrung oder für biologische Kunststoffe, zur Energiegewinnung und chemischen Anwendung genutzt. Heute gelten Algen als der vielversprechendste, regenerative Rohstoff der Zukunft. Die von der Alge produzierten Öle sind in ihrer Beschaffenheit Ölen aus gepressten Keimen und Nüssen ähnlich und besitzen wertvolle Omega-3-Fettsäuren.