Bei dem Selbstmordanschlag vor einer Polizeischule in dem Ort Issers (Provinz Bourmedes) östlich der Hauptstadt Algier starben mindestens 43 Menschen, 43 weitere wurden verletzt. Die Zahl der Opfer dürfte noch steigen, hieß es im algerischen Innenministerium. Der Anschlag wird der immer offensiver auftretenden nordafrikanischen Terrorbewegung "Al Qaida im Maghreb" zugeschrieben.
Das Blutbad weckt Befürchtungen, dass der jahrelange Konflikt in Algerien zwischen bewaffneten Islamisten und dem Regime von Präsident Abdelaziz Bouteflika wieder an Schärfe zunehmen könnte. Einige Diplomaten sprechen schon von einer "Irakisierung" der algerischen Auseinandersetzung, die begann, als das Militär 1992 die ersten halbwegs freien Wahlen abbrach, nachdem sich ein Sieg der Islamisten abgezeichnet hatte. Mehr als 200 000 Menschen wurden seitdem in dem Bürgerkrieg getötet.
Erst am vergangenen Wochenende war ein Militärkonvoi ebenfalls im Osten des Landes angegriffen worden, wenigstens zwölf Menschen kamen dabei ums Leben. Im Dezember waren bei einer Anschlagsserie in Algier auf UN-Gebäude und das Verfassungsgericht mindestens 41 Menschen gestorben, darunter 17 UN-Mitarbeiter.
Seitdem gab es etliche Attentate, vor allem gegen die algerischen Sicherheitskräfte. Aber auch gegen westliche Interessenten, wie eine französische Baufirma. Im Juni war ein Ingenieur aus Frankreich in Ostalgerien getötet worden. Im Osten des Landes, vor allem in der waldreichen und bergigen Kabylei-Region, haben die Islamisten eine ihre Hochburgen.
Das jüngste Attentat in Issers ereignete sich gegen 7.30 Uhr, als sich Dutzende Bewerber vor der örtlichen Polizeiakademie versammelten. Den zunächst noch widersprüchlichen Berichten zufolge explodierten fast zeitgleich zwei Sprengsätze: Ein Selbstmordattentäter soll sich mit einem Dynamitgürtel in der Menschenmenge in die Luft gesprengt haben. Ein weiterer raste offenbar mit einer Autobombe gegen das Haupteingangstor der Polizeischule. Unter den Toten sollen Dutzende junge Männer, Polizisten und Zivilisten sein.
"Das ist ein richtiges Blutbad", sagte der Vater eines der Polizeianwärter, der bei dem Anschlag ums Leben kam. "Gott möge diejenigen bestrafen, die dieses Verbrechen begangen haben gegen junge Menschen und ihr Land." Am Explosionsort klaffte Augenzeugen zufolge ein mehrere Meter breiter Krater. Auch die eingestürzte Fassade der Polizeischule, mehrere eingestürzte Häuser, zerstörte Schaufenster benachbarter Geschäfte und umgestürzte Bäume zeugten von der großen Wucht der Explosion. Zerfetzte Leichen lagen auf dem Boden.
Die neue Terrorwelle trifft Algerien in einem sensiblen Moment. Algeriens Präsident Bouteflika buhlt um westliche Anerkennung und Investitionen, um sein immer noch ziemlich marodes Land zu einer arabischen Wirtschaftsmacht aufzubauen.
Europäische Regierungschefs geben sich in Algier die Klinke in die Hand, in der Hoffnung, an den riesigen Erdgas- und auch Ölvorkommen in der Sahara teilhaben zu können. Zuletzt bemühte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Mitte Juli um Aufträge und versprach den Algeriern im Gegenzug großzügige Militärhilfe.
Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat den Selbstmordanschlag auf die Polizeischule aufs Schärfste verurteilt. "Die fortgesetzten Terrorakte der letzten Monate, die vor allem gegen algerische Sicherheitskräfte gerichtet waren, sind grausame und feige Versuche, die innere Befriedung und Aussöhnung Algeriens zu stören", sagte Steinmeier gestern nach Angaben seines Ministeriums am Rande des Nato-Außenministertreffens in Brüssel. Die Gewalttaten zeigten, dass Terrorismus weiter eine Bedrohung sei, die gemeinsam bekämpft werden müsse.