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| 01:38 Uhr

Selbstmordanschlag in Kandahar

Kandahar.. Beim schlimmsten Anschlag in der Geschichte Afghanistans sind in der Stadt Kandahar gestern mindestens 80 Menschen getötet und etwa 90 weitere verletzt worden.

Provinzgouverneur Assadullah Chalid machte die radikal-islamischen Taliban für den Selbstmordanschlag verantwortlich, die sich zunächst aber nicht äußerten. Die Bombe detonierte in einer Gruppe von etwa fünfhundert Menschen, die sich einen Hundekampf anschauten.
"Der Selbstmordanschlag ging von den Taliban, den Feinden Afghanistans, aus", sagte Chalid. Das Innenministerium in Kabul erklärte, es seien sogar mehr als 80 Menschen getötet und mindestens 50 ernsthaft verletzt worden. "Einige der Verwundeten befinden sich in einem kritischen Zustand, deshalb ist es möglich, dass die Zahl der Toten noch ansteigt", erklärte das Ministerium. Ein Krankenhaus-Sprecher sagte, insgesamt seien etwa 90 Menschen in das zivile Hospital der Stadt und das Militärkrankenhaus eingeliefert worden.
Rund 500 Männer und Jungen hatten sich am Morgen in einem Außenbezirk von Kandahar zu einem Hundekampf versammelt. Die grausamen Wettbewerbe sind in Afghanistan insbesondere im Winter sehr populär. Die Taliban hatten während ihrer Herrschaft von 1996 bis 2001 den Wettkampf als "unislamisch" verboten. "Der Kampf hatte gerade zwischen zwei Hunden begonnen. Plötzlich hörte ich eine laute Explosion in der Nähe eines Polizeiautos. Dann sah ich nur noch Tote und Verletzte", berichtete Augenzeuge Abdul Karim. Nach der Explosion lagen zerfetzte Körper, Fahrräder, Schuhe, Turbane und Mobiltelefone, die zum Teil klingelten, am Tatort verstreut. Mehrere Polizeiautos wurden durch die Wucht der Detonation zerstört.
Ein Taliban-Sprecher wollte sich zunächst nicht zu der Tat äußern. Der Chef des Regionalrats von Kandahar, Wali Karsai, fragte: "Wer sonst macht Selbstmordanschläge?" Der Attentäter habe sich unter die Schaulustigen gemischt. Wali Karsai ist der Bruder von Präsident Hamid Karsai.
Der Anschlag war der schlimmste in der Geschichte Afghanistans. Im vergangenen November waren bei einem Selbstmordattentat nahe einer mit deutschen Geldern gebauten Zuckerfabrik in der Provinz Baghlan 79 Menschen getötet worden, 59 von ihnen waren Kinder. Sie waren zu der Fabrik nahe der Ortschaft Pul-i-Chumri gekommen, um eine Parlamentsdelegation zu begrüßen.
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) erklärte in Berlin: "Ich bin tief bestürzt über den Anschlag in Kandahar, bei dem zahlreiche Menschen ihr Leben verloren. Die Bundesregierung verurteilt dieses feige Attentat." Deutschland teile die Trauer und Bestürzung des afghanischen Volkes. "Wir sind in Gedanken bei den Familien und Freunden der Opfer." Mit diesem Anschlag solle Angst und Terror unter der Zivilbevölkerung verbreitet werden, erklärte Steinmeier weiter. Die internationale Gemeinschaft werde sich in ihrem Einsatz für das afghanische Volk jedoch nicht beirren lassen.
Die Region Kandahar gilt als Hochburg der radikal-islamischen Taliban. Von hier aus hatten sie Afghanistan unter ihre Kontrolle gebracht. Auch sechs Jahre nach ihrer Vertreibung von der Macht durch die USA und ihre Verbündeten haben sie hier noch immer großen Einfluss. Die südliche Provinz Kandahar war 1996 als erste in die Hände der militanten Islamisten gefallen, die in der Folge die Macht im ganzen Land übernahmen. Ende 2001 wurden die Taliban von einer US-geführten Koalition entmachtet.
(AFP/dpa/kr)

hintergrund Kein Aus für Anti-Terror-Mission
 Die Bundesregierung hat einen Bericht über einen möglichen Ausstieg aus der US-geführten Anti-Terror-Operation Enduring Freedom (OEF) in Afghanistan zurückgewiesen. Es gebe keine Überlegungen, die erst im Oktober und November beschlossenen Mandate zu OEF und zur internationalen Afghanistan-Truppe Isaf zu verändern, sagte ein Regierungssprecher am Samstag auf Anfrage in Berlin. Er widersprach damit einem Bericht des "Spiegel". Keine Bestätigung gab es auch für Berichte, das neue Isaf-Mandat könnte bereits im Sommer beschlossen werden. Der SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose verlangte eine Ausweitung des deutschen Afghanistan-Engagements.
Laut dem Bundestagsmandat für OEF, das im Herbst fast zeitgleich mit dem Mandat für die Friedenstruppe Isaf endet, dürfen bis zu hundert Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) auch im kriegerischen Süden und Osten Afghanistans eingesetzt werden.