Woher kommt sie, die große Sehnsucht nach der Fremde, nachMenschen aus fernen Ländern und unbekannten Kulturen„ IlkaWendlandt zuckt lachend die Achseln: „Das hat wohl immerunentdeckt in mir geschlummert und setzte sich dann irgendwanndurch.“
Das „irgendwann“ lässt sich ziemlich genau datieren. Währendeines Studienaufenthaltes in London spürte die angehendeDiplomkauffrau: „Das ist meine Welt.“ Sie tauchte ein in dasAbenteuer Großstadt. Zog durch die Bars in China Town, erkundetedie Künstler-Szene in Soho, tanzte sich durch die englischenClubs - und war verloren an ein Leben, das mit dem in der Lausitznur sehr wenig zu tun hat.
Die Betriebswirtin beendete ihr Studium in Senftenberg, arbeitetezwei Jahre in Finsterwalde und zog dann erneut nach London, umsich mit einem „Masters of Science and International Management“fit für die Zukunft zu machen.
Mit Mitte zwanzig wurde die zielstrebige Karriere-FrauPressechefin am Lausitzring. Entdeckte ihre Leidenschaft für denMotorsport - und wurde abrupt ausgebremst. „Völlig unerwartet,von einer Stunde auf die andere verlor ich durch die Insolvenzdes Rings meinen Job. Keine schöne Erfahrung, aber ich bin nichtins Bodenlose gefallen damals.“
Ilka Wendlandt hatte Kontakte, verließ sich, mit dem ungestümenMut der Jugend, auf ihr funktionierendes Netzwerk und auf ihrKönnen. „Ich habe einfach eine Blindbewerbung an die Sauber AGgeschickt.“ Nur drei Wochen später stellte sie sich bei denSchweizern vor - und bekam den begehrten Posten. „Ich bin jetztwohl die jüngste Frau in einer solchen Position“ , sagt sienüchtern. Schreibt den Erfolg ihrer Erfahrung am Lausitzring,ihrer Anpassungsfähigkeit und ihrer Durchsetzungsstärke zu.
Das Leben der Neu-Schweizerin hat an Tempo gewonnen. Eine Wohnungsuchen, Arbeitsgenehmigung, Behördengänge, Umzug organisieren -„ohne die Hilfe der Firma hätte ich das wahrscheinlich nicht soleicht gepackt“ . Rund 280 Mitarbeiter, 80 Prozent davon Männer,sind bei Sauber im Formel-1-Bereich tätig. Professionalität istoberstes Gebot, Fehler kann sich niemand leisten. „Der Druck istgroߓ , gibt Ilka zu, „aber weil er auf das ganze Team verteiltist, kommt man gut damit klar.“ Menschen aus 18 Nationen arbeitenim Betrieb, die junge Ostdeutsche ist nur eine unter vielenFremden.
Hatte sie Angst, unterzugehen, sich zu verlieren in dieser neuenWelt“ Kurzes Nachdenken, dann ein überzeugtes: „Nein.“ Sie sagt,sie wolle versuchen, ein Stück ihrer ostdeutschen Identitäthineinzutragen in den Betrieb, sich nicht anzupassen um jedenPreis. Das Glitzernde des Renn-Zirkusses genießen, ohne sich zuverleugnen. Doch scheint sie sich der Gefahr bewusst. Sprichtimmer wieder von ihrer Liebe zur Familie, ihrer Sehnsucht nachFreunden, vertrauten Landschaften, dem Senftenberger See. „Dortkann ich zur Ruhe kommen und einfach nur ich selbst sein.“Irgendwann später einmal wird sie vielleicht sogar zurückkehren.Doch vorerst ist die Lust auf Neues zu stark.
Gerade hat sie die beiden prominenten Deutschen, die unterSaubers Flagge fahren, kennen gelernt. „Nick Heidfeld ist einganz scheuer Mensch, sehr sympathisch, und Heinz-Harald Frentzenhat mich gleich mit einem lockeren Spruch begrüßt.“
Zum Saisonauftakt fliegt Ilka Wendlandt diese Wochen nachMelbourne und später weiter nach Malaysia, eine Woche darauf nachSao Paulo. An Journalisten aus aller Welt muss sie dann „ihr“Team verkaufen. Konferenzen organisieren, Interviews abstimmen,Kontakte knüpfen.
Eine Feuerprobe, die sie meistern will, unbedingt. „Ich will viellernen in den nächsten Jahren. Wichtige Leute kennen lernen, meinNetzwerk ausbauen, hierarchisch weiterkommen.“ Kein Zweifel, dasssie es schaffen wird, die junge Frau aus der Lausitz.