Wie sah das alte Café Kranzler aus? Wann haben die Fans der Rolling Stones die Waldbühne zerlegt? Und wo ist das Poster geblieben, auf dem Harald Juhnke mit Peking-Ente Werbung für ein Chinarestaurant machte? 25 Jahre nach dem Mauerfall schwelgt Berlin in der Erinnerung an den alten Westen der Stadt, als im Radio noch der Rias lief und Männer dorthin vor dem Dienst in der Bundeswehr flüchteten.

Die Wahrnehmung ändert sich: Was früher als hässlich galt, die Bauten aus den 50er-Jahren, ist heute als Nachkriegsmoderne zum Motiv für Kalender geworden. Oder zur Shoppingadresse, so wie das Bikini-Haus an der Gedächtniskirche.

Ging es bei den früheren Mauerfall-Jubiläen um die Wiedervereinigung und den Osten, so ist diesen Herbst auch West-Berlin ein großes Thema. Die Ausstellung über die "Insel auf der Suche nach Festland" im Stadtmuseum Ephraim-Palais musste schon wegen Überfüllung zeitweise schließen. Die C/0-Galerie ist gerade vom Osten in den Westen gezogen. Als erste Ausstellung im Amerika-Haus zeigt sie Fotos von Will McBride, der das Lebensgefühl im Nachkriegs-Berlin festhielt, zwischen Schuttbergen, Milchbars und Strandbad Wannsee.

In der West-Berlin-Ausstellung reicht die Spanne vom präparierten Pandabären Tjen Tjen, einem Geschenk von Bundeskanzler Helmut Schmidt an den Zoo, bis zum West-Berliner Filz und der Künstlerszene. Und natürlich ganz zentral: die Mauer. Am Eingang steht die Lautsprecheranlage für das "Studio am Stacheldraht", mit dem der Senat bis 1965 an der Grenze Appelle Richtung Osten schickte. Ein Signal an die Besucher: Verklärt bloß nicht die alten Zeiten.

Im Zuge der Ausstellung führte Schauspieler Ilja Richter (62) am Dienstagabend seinen ersten Dokumentarfilm vor. Darin geht es um das legendäre Kudamm-Hotel Bogota, das 2013 schließen musste. Richter kritisiert, wie in der Stadt mit geschichtsträchtiger Architektur umgegangen wird. "Wenn wir den Kurfürstendamm lang spazieren, sehe ich eine Sünde nach der anderen." Dass dort alte Kinos als Konsumtempel genutzt werden, gefällt ihm überhaupt nicht. Die alten Zeiten will Richter nicht zurückhaben. "Berlin war noch nie so schön, so international, so kosmopolitisch wie jetzt", sagt er.

Ausstellungskurator Thomas Beutelschmidt erzählt, wie erstaunlich die Resonanz im Museum ist. Selbst das israelische Fernsehen interessiert sich demnach für West-Berlin. "Die ganze Konzentration ging ja nach dem Mauerfall in den Osten", sagt er. In den vergangenen vier, fünf Jahren sei das Pendel wieder zurückgeschlagen. "Man hat auch erkannt, was West-Berlin wert war oder wert ist."

Beutelschmidt findet den Begriff der Westalgie nicht passend, weil es eine Veränderung war - kein drastischer Systemwechsel wie im Osten. In seinen letzten Jahren habe sich West-Berlin nur noch um sich selbst gedreht. "Die friedliche Revolution hat die Mauer von der Ostseite eingedrückt und in gewisser Seite auch den Westen befreit."

Der Historiker Hanno Hochmuth (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) verweist auf die vielen neuen Bücher und Bildbände über West-Berlin. Der Markt habe hier ein nostalgisches Bedürfnis erkannt und befriedigt.

Auch er sieht eine Nachholbewegung. Touristisch ist der Westen nach der Berliner Mauer und der NS-Geschichte eine Facette zur Erzählung der Stadt geworden, die gut zum heutigen Image der Stadt passt, wie Hochmuth erklärt.

Neulich hat er im Bordmagazin im Flugzeug einen Artikel über West-Berlin entdeckt. Es passt zudem zu einem "globalen Retrotrend". Eine Generation, die in den 70er-Jahren aufwuchs, findet sich darin wieder. "Das Neue ist, dass es nicht um die Staatsgeschichte, sondern um den Alltag geht." Wichtiger als Willy Brandt mag für die private Erinnerung also die Musik der Humpe-Schwestern sein.