Was haben der französische Star-DJ David Guetta und Kanzler-Kandidat Peer Steinbrück (SPD) gemeinsam? Beide standen auf Einladung einer verschuldeten Kommune auf der Bühne.Die Ruhr-Metropole Bochum zahlte trotz 125-Millionen-Defizit in der Stadtkasse 25 000 Euro Vortragshonorar an Steinbrück - über die Stadtwerke, die größtenteils Bochum gehören. David Guetta zählt zu den bestbezahlten DJs weltweit. Seine Honorare sollen sich zwischen 100 000 und 175 000 Euro bewegen - für einen Abend. Er spielte beim Seenland-Festival am vergangenen Wochenende auf Einladung der Stadt. Genauer: auf Einladung der Lausitzhalle Hoyerswerda GmbH, einem von fünf Unternehmen, die unter dem Dach der Städtischen Wirtschaftsbetriebe Hoyerswerda GmbH zusammengefasst sind. Wie Bochum (362 000 Einwohner) ist auch Hoyerswerda (35 000 Einwohner) verschuldet: mit ungefähr 35 Millionen Euro.

Ursprünglich hatte der Chef-Veranstalter und Geschäftsführer der Lausitzhalle, Sven Tietze, mit 40 000 Besuchern am Tag gerechnet. Mit der Zeit korrigierte er die Zahlen nach unten. Dass am Ende an drei Tagen nur 18 000 Besucher auf das Festival-Gelände am Partwitzer See (Landkreis Bautzen) strömten, überraschte auch ihn. "Wir müssen das jetzt in Ruhe auswerten", sagte er der RUNDSCHAU. Ob es auch im kommenden Jahr ein Festival geben wird, ließ er offen. Trotz Ticketpreisen von 40 bis 100 Euro soll der Verlust im hohen sechsstelligen Bereich liegen. Wie hoch, will Tietze nicht sagen. Nur, dass der Verlust auf die städtischen Gesellschaften verteilt werden soll. Ein durchaus üblicher Vorgang, wie der Verband kommunaler Unternehmen bestätigt.

In Hoyerswerda gehören zu diesen Firmen neben der Lausitzhalle beispielsweise das Lausitzbad und die Versorgungsbetriebe Hoyerswerda. RUNDSCHAU-Nachfragen beim Geschäftsführer der Städtischen Wirtschaftsbetriebe, wer wie viel zahlt und ob durch das Verlust-Geschäft beim Seenland-Festival die Strompreise oder der Eintritt zum Lausitzbad steigen werden, bleiben unbeantwortet. Auch der Oberbürgermeister von Hoyerswerda, Stefan Skora (CDU), verweist auf eine Pressekonferenz, die es irgendwann geben soll. "Die Effekte der Investition in das Seenland-Festival sind vielfältig", sagte er stattdessen. Skora ist einer der Schirmherren des Festivals gewesen.

Hört man sich in der Branche um, erntet das Seenland-Festival bei anderen Veranstaltern Anerkennung. Mit den Toten Hosen, den Fantastischen Vier, den Boomtown Rats und David Guetta hat es Lausitzhallen-Chef Tietze mit seinem ersten großen Festival geschafft, zum Teil weltbekannte Stars mit Exklusiv-Shows ins Seenland zu locken. Gleichzeitig weisen andere Veranstalter darauf hin, dass sie mit ihren Festivals über Jahre gewachsen sind - zum Teil mit erheblichem persönlichen Risiko und ohne städtische Gesellschaft im Rücken.

So erzählt etwa der Booker eines großen HipHop-Festivals, dass in der Liga von Mega-Stars wie David Guetta alles per Vorkasse läuft. Zum Teil müssen Veranstalter auch Pakete kaufen. Das heißt: Wenn der eine bekannte Star kommt, verpflichtet sich der Veranstalter auch, andere - meist weniger erfolgreiche Künstler - aus dem Portfolio der jeweiligen Künstler-Agentur zu buchen.

Lausitzhallen-Chef Tietze ist in der Szene nicht unbekannt. Er gilt als erfahrener Veranstalter. Von 2008 bis 2010 war er Chef der Rhein-Siegburg-Halle in der Nähe von Köln. Der gebürtige Potsdamer lotste Stars wie Hollywood-Schauspieler Kevin Costner in den 39 000-Einwohner-Ort Siegburg. Sein Abschied soll damals überraschend gekommen sein. "Von heute auf morgen war er weg", steht in einem Artikel des Kölner Stadt-Anzeigers aus dem Jahr 2010. RUNDSCHAU-Nachfragen bei der Gegenbauer Holding, dem Mutter-Konzern der Rhein-Siegburg-Halle, bestätigen den Zeitungsbericht. Kommentieren wollten sie diesen aber nicht. Wie Tietze setzt Oberbürgermeister Skora auf die kommenden Tage: "Wir werden das Festival intensiv auswerten", sagte er.

Immerhin habe man das Seenland bekannt gemacht. Vielleicht antworten Künstler wie Bob Geldof bei der nächsten Ausgabe dann auch nicht mehr so auf Journalisten-Fragen: "Ich hab keine verdammte Ahnung, wo ich hier überhaupt bin."