Es ist 14.15 Uhr am Heiligabend. Hans Christoph Höck - in dunklem Anzug, weißem Hemd und dunkler Krawatte - schlüpft in seinem Haus in Lubolz bei Lübben (Dahme-Spreewald) in seine schwarzen Schuhe, greift sich seine dicke Aktentasche und marschiert flott zu seinem gelb-grünen Kleinbus. An der Haustür winken ihm seine Frau Uta und die vier Kinder - zwei Mädchen und zwei Jungen im Alter zwischen zwölf und 22 Jahren nach. Pfarrer Höck bemerkt das kaum, seine Gedanken sind schon rund vier Kilometer weiter - in Niewitz, der ersten Gottesdienst-Station an diesem Heiligabend. Der Seelsorger gibt Gas. Fünf Minuten später taucht die Niewitzer Kirche im Nebeldunst auf.
Doch vorher ist die 91-jährige Margarete Hennig dran. "Sie kann wegen einer Erkrankung in diesem Jahr nicht den Gottesdienst besuchen", erzählt der Pfarrer, bremst den Bus und eilt ins Haus. Die Rentnerin ist überrascht. Schnell fängt sie sich und mit Blick auf des Pfarrers graumeliertes Haar ruft sie: "Mensch Herr Pfarrer, Sie sind aber auch alt geworden." Höck lächelt und drückt Margarete Hennig behutsam die Hand. Noch ein paar Worte, dann muss er zur Fachwerk-Kirche.
In Niewitz, erzählt Höck, während er seinen Bus vor der Kirche parkt, seien die Gottesdienste immer sehr schön, "nur Weihnachten, da will einfach keine Ruhe in die Kirche einziehen". Und tatsächlich, Gemurmel begleitet den Gottesdienst.
Der beginnt mit Glockengeläut, es ist 14.50 Uhr. Während ein paar Nachzügler noch nach einem freien Sitzplatz suchen, zieht Höck in seinen schwarzen Talar an, bindet sich das weiße Beffchen um den Hals und macht sich an der Lautsprecheranlage zu schaffen. Die hat an diesem Tag Premiere. "Die Technik ist immer so eine Sache", weiß der Pfarrer.
Wenig später bilden sich Sorgenfalten auf seiner Stirn. Die Organistin ist noch nicht da. "Das sind die Dinge, die mich an so einem Tag nervös machen." Denn die kleinste Zeitverzögerung führt zum Terminchaos. Doch zwei Minuten später hellt sich seine Miene wieder auf, die Vermisste ist endlich da. Noch einmal durchatmen, Punkt 15 Uhr beginnt der erste Gottesdienst an diesem Tag. Und der geht wahrlich zügig. Beim ersten Lied "Ihr Kinderlein kommet" singt die Gemeinde kräftig mit. Bei "Lobt Gott Ihr Christen alle gleich" geht ihr schon etwas die Luft aus. Umso lauter und schneller bringen die Christenlehre-Kinder das Krippenspiel hinter sich - Pfarrer Höck fungiert als Souffleur bei Textunsicherheiten. Es folgen vier weitere Lieder, dann die Predigt.

Haben Engel Wünsche„
In der geht es um die Verkündigungsengel in der Weihnachtsgeschichte. Haben sie Wünsche“ Brauchen sie Liebe„ Und was bedeutet ihre Botschaft nach Jesu Geburt, wenn sie sagen "Fürchtet Euch nicht, denn Euch ist heute der Heiland geboren“", fragt Höck mit ruhiger Stimme. Die Gemeinde hört mehr oder weniger aufmerksam zu. Der Mann vorn in Schwarz nimmt es mit heiterer Gelassenheit. "In meinen 18 Jahren als Pfarrer habe ich noch nie die Engel als Predigt-Thema gehabt", erzählt er später im Bus. Inspiriert dazu habe ihn das Krippenspiel der Lubolzer Kinder.
Gegen 15.40 Uhr macht sich Hans-Christoph Höck auf den Weg nach Steinkirchen. Zehn Minuten und acht Kilometer später betritt er dort die Kirche, schlüpft wieder in seinen Talar, holt tief Luft, wird ganz ruhig, spannt den Körper an und tritt vor seine zahlreich erschienene Gemeinde. Wieder im Bus erzählt er: "Das ist das Schwerste an so einem Tag, sich viermal zu motivieren, eine frohe Botschaft zu verkünden." Volle Konzentration sei da nötig, "damit es keine Trauerrede wird". Es klappt auch beim zweiten Gottesdienst. Höck ist nicht anzumerken, dass er bereits um fünf Uhr morgens aufgestanden ist, die Predigt für den ersten Weihnachtstag geschrieben, eine 87-Jährige am Vormittag zum Geburtstag besucht und schon einen Gottesdienst hinter sich hat. Die Steinkirchener Besucher sind ganz leise, lauschen Höcks Worten und dem Krippenspiel.
Gegen 16.40 Uhr wirft der Pfarrer erneut seinen Bus an und fährt Richtung Lubolz. Jetzt hat er einen weiteren Mitfahrer an Bord - Kantor Peter Ewald (41) samt Keyboard. Seit 16 Jahren sind Pfarrer und Kantor am Heiligabend gemeinsam unterwegs. Größere Pannen, "bis auf kleine Verspätungen, wenn die Straßen glatt oder zugeschneit waren", wie Höck sagt, habe es zum Glück nie gegeben.
Die Lubolzer Kirche ist bis unters Dach mit Menschen gefüllt. Höcks erste Worte weichen hier auf Bitte des Gemeindekirchenrates etwas von den vorherigen zwei Gottesdiensten ab. Er weist darauf hin, den Müll auf dem Friedhof zu trennen, da in diesem Jahr der Bio-Container nicht abgeholt wurde. "Na, das passt ja nicht zu Heiligabend", murmeln Jugendliche in den oberen Rängen. Auch das Krippenspiel ist hier anders, aus Sicht der Engel, die Jesu Geburt verkünden. Auch in Lubolz klappt alles reibungslos. So reibungslos, dass Höck und Ewald bereits um 17.48 Uhr zum vierten und letzten Gottesdienst am Heiligabend erneut in Steinkirchen eintreffen. "So zeitig waren wir lange nicht mehr hier", staunen beide mit Blick auf die Uhr.

Seit 1988 im Spreewald
Dieser Gottesdienst ist den beiden Männern immer der liebste. "Da zählt keine Eile mehr und es ist sehr leise und friedlich", schwärmt der Kantor. Beim vierten Gottesdienst findet kein Krippenspiel statt, es wird mehr gesungen. Pfarrer Höck lässt seinen Blick über die Gemeinde schweifen. Jetzt ist auch seine Familie anwesend. Seit 1988 ist er im Spreewald Pfarrer, seine erste Stelle nach dem Studium. "Nach drei Jahren hätte ich mich woanders bewerben können", sagt er. Er hat es nicht getan. Land und Leute haben dem Pfarrerssohn, der aus der Nähe von Magdeburg stammt, gefallen. Und der Gottesdienst-Marathon? "Nun, der gehört für mich zu Weihnachten dazu", sagt Höck mit einem Lächeln. Dann verteilt er Kerzen an die Kinder und geht zum Ausgang, um jedem Besucher die Hand zu schütteln. Danach muss noch die Kollekte gezähl t, der Strom ausgeschaltet und die Kirchentür verschlossen werden. Und dann darf auch der Pfarrer nach Hause, wo seine eigenen fünf Engel auf ihn warten.