Eigentlich war Franz Josef Strauß bereits abgeräumt. Als Günter Beckstein 2007 Ministerpräsident für ein Jahr wurde, ließ er die Strauß-Büste aus dem Arbeitszimmer in der Münchner Staatskanzlei entfernen. FJS schien nicht mehr zeitgemäß. Ein Jahr später gab Nachfolger Horst Seehofer Strauß seinen Ehrenplatz zurück, den dieser bis heute innehat.

Nun stehen Bayern Tage bevor, in denen der 1988 gestorbene CSU-Patriarch wieder allgegenwärtig sein wird: Am 6. September jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal. Die CSU will ihn in drei Feiern würdigen - am Freitag in München, am Sonntag in Rott am Inn und am Donnerstag in Berlin. Dass die Landtagsopposition den Staatsempfang zu Ehren des großen Vorsitzenden boykottieren will, dürften die CSU-Granden verschmerzen können.

Es ist nicht schwer, den Inhalt der Geburtstagsreden vorauszuahnen: Strauß wird gerühmt werden als der Visionär, der die Grundlage für Bayerns Entwicklung zum wirtschaftlich erfolgreichsten Bundesland legte. Strauß' zahlreiche Affären hingegen werden in der offiziellen Erinnerung der CSU eine sehr untergeordnete oder gar keine Rolle spielen.

Vorausssichtlich nicht erwähnt werden wird auch das Paradox, das die heutige CSU auszeichnet: Einerseits genießt Strauß in der Seehofer-CSU Heldenstatus. Andererseits hat sich die CSU unter der Regie des Strauß-Bewunderers Seehofer so weit von FJS entfernt, dass der sich im Falle einer Wiederkunft vermutlich die Augen reiben würde. "Franz Josef Strauß würde mit Freude und Wohlgefallen auf die heutige CSU sehen, sie hat sich sehr positiv weiterentwickelt", sagt Generalsekretär Andreas Scheuer dagegen.

Als sicher darf gelten, dass Strauß sich heute über vieles wundern würde, was 1988 noch in den Sternen stand: das Ende des Kalten Kriegs, die Wiedervereinigung, den Kollaps der Sowjetunion und des Warschauer Pakts, EU-Erweiterung, Euro und Euro-Krise, den Aufstieg Chinas.

Heute sind nur noch sehr wenige Politiker aktiv, die Strauß noch als Ministerpräsidenten erlebten. So sind Skurrilitäten weitgehend in Vergessenheit geraten, die aus heutiger Sicht eher vorgestrig als visionär wirken: So verhinderte Strauß zum Beispiel die Aufnahme von Frauen in den bayerischen Polizeidienst. Eine Politikerin, die Strauß als junge Abgeordnete erlebte, ist die Grünen-Fraktionsvorsitzende Margarete Bause. "Ich fand ihn sehr undemokratisch", sagt sie. Strauß weigerte sich nicht nur, die Grünen zu Staatsempfängen einzuladen, obwohl auch sie vom Volk in den Landtag gewählt waren. "Strauß hat auch versucht, Kontakte der Ministerialbeamten zu uns zu verhindern", erinnert sich Bause. Strauß' unerwarteter Herztod im Jahr 1988 habe mutmaßlich einen quälenden Niedergang verhindert, meint ein heute nicht mehr aktiver CSU-Mann. Strauß habe 1988 seine besten Zeiten hinter sich gehabt.

Wundern aber würde sich Strauß möglicherweise auch über die Entwicklung der CSU. Das gilt sowohl für den heutigen Stil der Partei als auch für die Inhalte. Wo Strauß lustvoll polarisierte und über seine Gegner herzog, besteht das Wesen von Seehofers Regentschaft darin, jede Polarisierung möglichst zu vermeiden. "Die Leute wollen das nicht mehr", sagt Seehofer oft über das früher übliche verbale Geholze. So pflegte Strauß Demonstranten bei seinen Kundgebungen zu beschimpfen. Seehofer geht gewöhnlich auf sie zu.

Inhaltlich hat Seehofer mehrere Glaubenssätze der Strauß-Ära über Bord geworfen. Strauß machte Bayern zum führenden Atomland, Seehofer forcierte 2011 den Atomausstieg. Geschichte ist auch die allgemeine Wehrpflicht. 2013 beerdigte Seehofer den Donauausbau mit Staustufen - das letzte Großprojekt, das noch aus der Strauß-Ära stammte. CSU-Generalsekretär Scheuer sieht naturgemäß keinen Widerspruch zwischen neuer Seehofer-CSU und alter Strauß-CSU. "Konservativ sein heißt, an der Spitze des Fortschritts zu marschieren", zitiert Scheuer einen Strauß-Lehrsatz. "Und ich sage in Anlehnung daran: Aus Tradition modern."

In vielerlei Hinsicht ist die CSU heute weit liberaler als zu Straußens Zeiten. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind von der Partei mittlerweile akzeptiert. Dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, ist ebenfalls Geschichte - heutzutage gilt zumindest verbal die "Willkommenskultur" für qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland. Mutmaßlich würde auch Strauß in der heutigen veränderten Welt andere Positionen vertreten - ein Gespräch mit ihm darüber wäre jedenfalls hochinteressant.