Vor allem wegen des alles bestimmenden Themas Asyl ist die sächsische Union verunsichert. Viel Unmut hat sich angestaut. Intern ist die Rede von "Frust" und "Gegrummel" an der Basis. Viel Druck auf dem Kessel, viel Nervosität. Am Sonnabend treffen die Parteidelegierten in Neukieritzsch zusammen, in einer glasigen Mehrzweckhalle im Schatten des Kohlekraftwerks Lippendorf, wo im September schon die Linken ihren Parteitag abhielten. Zu erwarten sind heftige Debatten über den Kurs der Bundesregierung in der Asylpolitik. Der Parteitag steht unter dem Motto "Solidarität leben, Integration ermöglichen, Zuwanderung steuern".

Partei- und Regierungschef Tillich hat zwar mit seiner langen Zurückhaltung beim Thema Flüchtlinge für Unmut gesorgt. Hat dann aber mit zwei Regierungserklärungen in diesem Sommer klare Kante gezeigt: Willkommen für Schutzbedürftige, keine Toleranz für fremdenfeindliche Brandstifter. Wie das in Summe bei der Basis ankommt, wird sich am Sonnabend bei seiner Wiederwahl erweisen. Einen unguten Vorgeschmack brachte die letzte große Umfrage im September. Die sah die CDU fast unverändert auf 38 Prozent - die Zustimmungswerte des 56-jährigen Ministerpräsidenten aber waren um 15 Prozent gesunken.

Die Erwartungen der Partei an ihn sind unterschiedlich. Ein Signal hin zu einer Beschränkung der Flüchtlingsaufnahme stellt sich Fraktionsvize Thomas Colditz vor: "Wir wollen uns dem Flüchtlingsthema stellen", sagt der Abgeordnete aus Schneeberg, "aber wir sind an der Grenze dessen, was wir leisten können." Ob Tillich den Ärger zu spüren bekommt, ist allerdings fraglich. "Es gibt schließlich auch noch andere Themen", sagt der Dresdner Lars Rohwer, "wie unser Investitionspaket, das sehr gut kommt."

Bis jetzt hat sich die seit 25 Jahren regierende CDU in Krisen noch immer hinter ihrem Chef versammelt. Zumal das Gegrummel doch eher an die Bundesspitze, ergo Kanzlerin Angela Merkel, gerichtet ist. Dass die im September Tausende Flüchtlinge aus Budapest aufnahm, halten in der Sachsen-CDU nicht wenige für einen Fehler. "Ich glaube, das Bundeskabinett hat schon bessere Entscheidungen getroffen", sagt der Schwarzenberger Landtagsabgeordnete Alexander Krauß. Die Signalwirkung sei fatal gewesen, es sei "der Eindruck entstanden, dass jeder nach Deutschland kommen kann". CSU-Chef Horst Seehofer sagt das so, Tillich hält sich bedeckt.

Seehofer, so raunt es durch die Landtagsfraktion, tut das, was die Sachsen-CDU auch gern würde, aber nicht kann, weil sie eben keine eigenständige CSU ist, sondern ein Landesverband an der Nabelschnur der Bundespartei.

Fordern und Krawall schlagen. Das wird der Seehofer wohl auch am Sonnabend in Neukieritzsch tun, denn er ist als Stargast geladen. Eigentlich war Kanzleramtschef und Merkel-Vertrauter Peter Altmaier vorgesehen, dann entschied sich der Landesvorstand um. Jetzt wird es doch der Rebell aus Bayern. Auch das hat Signalwirkung.