Herr Seehofer, schon Andrea Fischer, die Amtsvorgängerin vonUlla Schmidt, wollte eine umfassende Gesundheitsreform auf denWeg bringen. Doch am Ende blieb nur ein Torso übrig. Droht nunauch die Reform von Frau Schmidt an der Union zuscheitern?
Bei Frau Fischer haben wir gesundheitspolitisch Sinnlosesverhindert. Wenn die Inhalte der Reform von Frau Schmidt stimmen,dann werden wir kooperieren. Einen Marsch in die Staatsmedizin,wie er zum Beispiel mit einem Institut zur Vorgabe medizinischerLeitlinien geplant ist, werden wir aber keinesfalls mit tragen.

Im März klangen Sie noch fast euphorisch. Damals präsentierteder Kanzler seine gesundheitspolitischen Vorstellungen in einerRegierungserklärung.
Ich habe die Passagen zur Gesundheit damals begrüßt, weil derKanzler erstmals ein klares Bekenntnis zur Selbstbeteiligung derPatienten abgelegt hatte. Jetzt stehen wir jedoch wieder vor demProblem, dass zwischen dem Grundbekenntnis und seiner AusführungLichtjahre klaffen können.

Wie meinen Sie das?
Frau Schmidt will den Arztbesuch mit einer Selbstbeteiligungbelegen. Das lehnen wir ab. Wir sind für Selbstbeteiligung beiKuren, Medikamenten oder Fahrtkosten. Aber der erste Kontakt zumArzt darf nicht mit einer Abgabe bestraft werden.

Aber die Praxisgebühr soll nur anfallen, wenn die Patientengleich zum Facharzt laufen, anstatt zuerst den Hausarztaufzusuchen. Damit will Schmidt Kosten sparen.
Genau das Gegenteil wird der Fall sein. Wenn alle Patienten, dieheute direkt zum Augenarzt oder zum Orthopäden gehen, künftigerst den Hausart aufsuchen sollen, um die Selbstbeteiligung zusparen, dann muss man nicht Ökonomie studiert haben, um denKostenschub zu erkennen: Denn wo heute ein Arztkontakt erfolgt,werden es künftig zwei sein.

Sie halten Schmidts Plan, den Hausarzt als "Lotsen" im Systemzu verankern, für falsch?
Es gibt keinerlei empirische Belege, dass sich damit Kostensparen ließen. Und ich wette mit Ihnen, dass sich das in ein oderzwei Jahren auch in der Praxis zeigen wird - falls es im Gesetzüberhaupt zu der Regelung kommt.

Im Ziel, den durchschnittlichen Beitragssatz von jetzt 14,3auf unter 13 Prozent zu drücken, sind sich Regierung und Unioneinig. Welche Rezepte haben Sie dafür?
Versicherungsfremde Leistungen wie etwa das Mutterschaftsgeldmüssen über Steuern finanziert werden. Zugleich brauchen wir mehrWirtschaftlichkeit und Selbstbeteiligungen der Patienten. Gibt esdarüber hinaus einen unabweisbaren Bedarf, dann muss auch derArbeitnehmerbeitrag steigen können. Denn bevor man immer mehrKassenleistungen aus der paritätischen Finanzierung ausgliedert,kann man den Arbeitgeberbeitrag auch gleich festschreiben. Dasist das Zukunftsmodell. Um die Lohnnebenkosten kurzfristig zusenken, kommen wir allerdings auch nicht um die Neufinanzierungbestimmter Kassenleistungen herum.

Sie meinen die Kostenübernahme der Zahnbehandlung allein durchdie Arbeitnehmer?
Ja. Das ist ein gangbarer Weg, weil sich durch individuelleProphylaxe Kosten vermeiden lassen. Ganz anders ist das beimKrankengeld, das die Regierung aus dem Leistungskatalog streichenwill. Diese Maßnahme betrifft ausschließlich Langzeitkranke. Mitsozialer Gerechtigkeit hätte das nichts mehr zu tun. Übrigens:Ich verstehe auch nicht, dass die SPD gegen die Einfrierung desArbeitgeberbeitrages ist, wenn sie gleichzeitig will, dass derArbeitgeberbeitrag beim Krankengeld wegfallen soll.

Wie will die Union weiter verfahren?
Die Regierung muss jetzt vorlegen, was sie genau möchte. Dannwerden wir uns innerhalb weniger Tage entscheiden, ob die Vorlagediskutabel ist oder nicht. Im Moment stehen die Chancen für einegemeinsame Reform 50 zu 50.

Mit Horst Seehofer
sprach Stefan Vetter