Polizeioberrat Fischer: „Viele fahren aggressiv statt defensiv.“Eine 25-jährige Cottbuserin bezahlte im Februar für ein riskantes Überholmanöver mit ihrem Leben. Auf der B 115 zwischen Gablenz und Döbern kam sie ins Schleudern und stieß mit einem Lkw zusammen.Vergangene Woche in Kahren: Ein 19-Jähriger braust an einer Schule vorbei durch die 30er-Zone. Weil er zu schnell ist, kriegt er die Kurve nicht - und nietet einen 16-jährigen Fahrrad-fahrer regelrecht um. Der Schüler liegt nach Polizeiangaben noch immer schwerverletzt im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum. Die Beamten haben nach dem Unfall eine 24 Meter lange Bremsspur gemessen.
„Wir vermuten, dass der Unfallverursacher mindestens doppelt so schnell wie erlaubt gefahren ist“ , sagt Schutzbereichsleiter Olaf Fischer. „Das ist ein klassisches Beispiel dafür, wie Verkehrsregeln hier völlig missachtet werden.“

Gegen den Landestrend
Die Statistik spricht Bände: Die Anzahl der Unfälle mit Verletzten hat im Vergleich zum Vorjahreszeitraum in den ersten Wochen dieses Jahres um 50 Prozent zugenommen. Sechs Tote nach Verkehrsunfällen hat die Polizei in Cottbus und im Spree-Neiße-Kreis schon registrieren müssen - im gesamten vergangenen Jahr waren es nur 19. Während im Land die Anzahl der Unfälle mit Todesfolge deutlich und im Bereich des Polizeipräsidiums Frankfurt (Oder) leicht gesunken ist, ist sie in Cottbus und im Spree-Neiße-Kreis ge stiegen. Vor allem auf der B 115 zwischen Döbern und Gablenz und auf der B 97 zwischen Spremberg und Guben scheppert es immer wieder.
„Das ist alarmierend“ , sagt Polizeioberrat Fischer. Als Hauptursache hat er ausgemacht: „Ein Teil der Autofahrer bei uns ist rücksichts- und disziplinlos, macht sich seine Regeln selbst. Aggressiv statt defensiv - auf diese Formel passt der Großteil der tragischen Unfälle in diesem Jahr.“
Vor allem junge Leute drücken nach Polizeiangaben ungehemmt aufs Gaspedal - und riskieren dadurch nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Leben anderer (siehe Hintergrund). „Riskante Überholmanöver, bei denen sich die Fahrer überschätzen, sind typisch für Unfälle mit Todesfolge“ , sagt Polizeioberrat Fischer.
Im Januar krachte es das erste Mal. Ein 22-Jähriger aus Hoyerswerda raste nach dem Kino über die Bundesstraße 97 zwischen Cottbus und Spremberg, überholte, verlor nach Polizeiangaben die Kontrolle über seinen Rover, kam von der glatten Fahrbahn ab und rammte einen Baum. Sein 22-jähriger Beifahrer starb noch am Unfallort.
Nur wenige Tage später zerschellte auf der B 115 zwischen Tschernitz und Jämlitz ein Opel Omega an einem Baum, nachdem das Auto wegen „absolut überhöhter Geschwindigkeit“ , so die Polizei, von der Straße abgekommen war. Die Wucht des Aufpralls schleuderte die beiden Insassen - zwei Männer im Alter von 18 und 35 Jahren - aus dem Wagen. Sie erlagen ihren Verletzungen noch am Unfallort. Und im Februar geriet eine 25-jährige Cottbuserin auf der Bundesstraße 115 zwischen Gablenz und Döbern beim Überholen ins Schleudern und stieß mit einem Lastwagen zusammen - die Fahrerin ist tot.
„Das Idiotische daran ist, dass denen das Überholen doch gar nichts gebracht hätte“ , sinniert Fischer. „An der nächsten Ampel hätten die doch gerade einmal zwei Autos vor einem gestanden.“
Offenbar zieht diese Einsicht aber nicht. „Im Ergebnis“ , zitiert Fischer ein verkehrspsychologisches Gutachten, „verändern Verkehrsteilnehmer, die gegen die Regeln verstoßen, ihr Verhalten nur, wenn sie mit Bestrafung rechnen müssen.“

Probe aufs Exempel
Erst kürzlich machte die Cottbuser Polizei dazu die Probe aufs Exempel. Vor Schulen und Kindergärten postierte sie in 30er-Zonen Tafeln, die den Autofahrern automatisch signalisieren, wie schnell sie gerade unterwegs sind - als reine Verkehrserziehungsmaßnahme. Knöllchen musste niemand fürchten. „Da war jeder Vierte mindestens zehn Kilometer zu schnell“ , bilanziert Polizeisprecher Berndt Fleischer. „Und nach einer Schrecksekunde gaben die dann wieder Gas.“
Aufgrund der alarmierenden Unfallzahlen hat die Polizei ihre Verkehrsüberwachung schon intensiviert. Bereitschaftspolizisten unterstützen die Beamten dabei bereits. Jetzt, kündigt Schutzbereichsleiter Fischer an, sollen die Kontrollen nochmals verschärft werden. „Wir wollen unberechenbar sein, in die Fläche gehen“ , sagt er. „Die Wahrscheinlichkeit, ertappt zu werden, muss hoch sein.“

Ehrgeiziges Ziel
Polizeioberrat Olaf Fischer hat ein ehrgeiziges Ziel: Bis zum Jahr 2005 will er die Unfälle mit Personenschaden um 15 Prozent gegenüber dem Jahr 2001 senken. „Ich will“ , erklärt er, „dass die Menschen auf unseren Straßen genau so sicher sind wie im Bundesdurchschnitt.“
Die zwei Radarfahrzeuge des Schutzbereichs werden künftig zweischichtig im Einsatz sein. „Und wir werden die geblitzten Verkehrssünder häufiger direkt nach dem Verstoß anhalten, mit ihnen reden, ihre Fahrzeuge und Papiere, aber auch auf Drogen und Alkohol kontrollieren.“
Gerade Drogentests will Fischer vermehrt vornehmen. Seit einigen Monaten verfügen die Beamten über einen speziellen Wischtest - drug wipe -, der in kürzester Zeit in Schweiß oder Speichel Spuren von Drogenkonsum nachweist. Im vergangenen Jahr gingen der Polizei im Schutzbereich so 29 Autofahrer ins Netz, zwölf davon allein bei der letzten Kontrolle im Umfeld einer Disko auf dem ehemaligen Flugplatz Preschen. „Dabei hatten wir nur 13 Autofahrer kontrolliert“ , erzählt Polizeioberrat Fischer. „Danach mussten wir die Kontrolle abbrechen, weil alle Beamten mit den zwölf Ertappten beschäftigt waren.“

Hintergrund Jung und unbesonnen
  Die 18- bis 25-Jährigen sind überproportional oft an Unfällen mit Personenschaden beteiligt. Obwohl sie nur neun Prozent der Verkehrsteilnehmer im Schutzbereich Cottbus/Spree-Neiße ausmachen, verursachen sie nach Polizeiangaben mehr als ein Viertel aller Unfälle mit Personenschaden. Bei jedem zweiten Unfall mit Personenschaden, der aus einem riskanten Überholmanöver resultiert, sitzen sie am Steuer. Bei den Unfällen, als deren Ursache überhöhte Geschwindigkeit (42,7 Prozent) oder Alkohol (32 Prozent) gelten, sind sie ebenfalls deutlich überdurchschnittlich vertreten.
Im vergangenen Jahr ereigneten sich im Schutzbereich Cottbus/Spree-Neiße 413 Verkehrsunfälle mit Personenschaden. Im Jahr 2001 waren es noch 478. Damit wies der Schutzbereich eine geringere Unfallhäufigkeit auf als der Landesdurchschnitt.
Bei Verkehrsunfällen starben im vergangenen Jahr in Cottbus und im Spree-Neiße-Kreis 19 Menschen. Ein Jahr zuvor waren es noch deutlich mehr, nämlich 38 Personen.
Auf brandenburgischen Straßen kamen von Januar bis November vorigen Jahres 331 Menschen bei Verkehrsunfällen um. Umgerechnet auf die Anzahl der Einwohner waren das rund 30 Prozent mehr als in Sachsen. Bezogen auf die Einwohnerzahl sterben im Brandenburger Verkehr seit Jahren mehr Menschen als im Bundesdurchschnitt.