Nur höchst ungern ist Lukasz K. (19) gestern aus Poznan (Posen) noch einmal nach Senftenberg gereist, um dort vor dem Amtsgericht seine Aussage zu machen. „Bedroht und unwohl“ fühle er sich in dieser Stadt, wie er der Vorsitzenden Richterin Grit Bergander zu Protokoll gab. Gegen 1.15 Uhr saß er am 17. September mit vier polnischen und einem deutsch-polnischen Kumpel auf dem grünen Neumarkt im Herzen der Kreisstadt - als plötzlich Steffen K. auf sie zutrat. Im Stechschritt, so Lukasz K., habe er die Gruppe umkreist, dabei „Sieg Heil“ und „Deutschland den Deutschen“ gegrölt. Auf ein Signal des Rechtsextremen hin seien dann zwei vermummte Gestalten in Bomberjacken auf die Gruppe zugerannt Beide schlugen ohne Vorwarnung zu. Ein Faustschlag traf Pawlos M. aus Wroclaw (Breslau) aufs Auge. Maciej M. (20), ebenfalls aus Wroclaw, drosch einer der rechten Schläger mit einer Kette auf den Kopf. Die klaffende Wunde, so der Getroffene gestern als weiterer Zeuge vor Gericht, habe er erst gefühlt, nachdem er und seine Freunde weglaufen und die mindestens fünf Verfolger abschütteln konnten. Einer der Gejagten, der Deutsch-Pole Marcus K. aus Hannover, konnte sich die Schläger mit seiner Pfefferspray-Dose auf Distanz halten.
Die sechs Überfallenen schilderten dem Gericht den Hergang des Überfalls übereinstimmend. Sie erkannten den Angeklagten Steffen K. im Gerichtssaal eindeutig als den Schreihals wieder, der ihnen die Nazi-Parolen entgegengebrüllt hatte. Zugeschlagen aber hätten die zwei anderen. Und die konnten die Polen nicht identifizieren.
Maulfaul gaben die sechs Angeklagten lediglich zu, nach Mitternacht von Schipkau nach Senftenberg gefahren zu sein. Dort habe Steffen K. dann die Parolen gebrüllt. Den Angriff haben mehrere von ihnen zwar gesehen. Daran beteiligt gewesen sein will aber niemand. Dieser Überfall soll auf das Konto einer anderen Gruppe gegangen sein, die sich zu dieser Zeit ebenfalls auf dem Neumarkt aufgehalten habe.

Wiederholt Nazi-Symbole verwandt
Besonders bedeckt hielt sich Robert S., der seit dem Überfall in der Haftanstalt Wrietzen einsitzt. Der 21-Jährige war bereits wegen schwerer Körperverletzung verurteilt und nur auf Bewährung noch auf freiem Fuß. Als Bewährungsversager wird nun vermutlich auch der „Sieg Heil“ -Schreier Steffen K. in Haft müssen - wegen des Verwendens verfassungswidriger Kennzeichen. Der 22-jährige Schipkauer war vor zwei Jahren an dem Brandanschlag auf einen Döner-Laden in Hörlitz (OSL) beteiligt. Das Landgericht Cottbus hatte ihn darauf zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt - für zwei Jahre ausgesetzt zur Bewährung (die RUNDSCHAU berichtete). Nach Kenntnissen des Vereins „Opferperspektive“ in Potsdam ist ein weiterer der sechs Angeklagten ebenfalls wegen des Verwendens von Nazi-Symbolen verurteilt worden.

Nie wieder nach Senftenberg
Die sechs Überfallenen treten vor Gericht als Nebenkläger auf und lassen sich von vier Rechtsanwälten aus Potsdam und Berlin vertreten. Auf deren Nachfragen versicherten gestern alle sechs, dass sie nie wieder Senftenberg oder eine andere deutsche Kleinstadt im Osten Deutschlands besuchen wollen. „Ich komme bestimmt nicht mehr hierher“ , sagte zum Beispiel Maciej M., dessen Kopf ihm nach dem Schlag mit der Kette noch heute schmerze, wenn das Wetter umschlägt.
Dabei zeigten sich die Polen auch von der Senftenberger Polizei enttäuscht. „Wir mussten von der Innenstadt zu Fuß bis zur Wache laufen. Dabei hatten wir in dieser Situation alle Angst um unser Leben“ , so Zeuge Marcus K.. Die Polizei sei kein Fuhrunternehmen, hätten die Beamten geantwortet, die der junge Mann mit seinem Handy zum Tatort gerufen hatte. Prompt sei die Gruppe unterwegs aus dem Auto heraus als „asoziales Pack“ angepöbelt worden. Für die Versorgung der Kopfwunde von Maciej M. stellte das Senftenberger Krankenhaus dem Polen 209 Euro in Rechnung
Die Verhandlung wird am Freitag mit weiteren Zeugen-Aussagen fortgesetzt. Das Urteil dürfte laut einem der vier Verteidiger der sechs Angeklagten erst in der nächsten Woche fallen.