" Da ist sich Hansjörg Hertwig sicher. Der 52-Jährige ist vermutlich der einzige, der diese fast vergessenen Kunstwerke bauen kann. In der Stadt in der Sächsischen Schweiz, nur wenige Kilometer entfernt von dem für seine Weihnachtstraditionen weltweit berühmten Erzgebirge, hat dieser einzigartiger Brauch überlebt.
Es ist vergnüglich, sich mit Hertwig auf die Reise in die Vergangenheit zu begeben. Damals, im 19. Jahrhundert, entstanden in der Region um Sebnitz - und nur dort - die heute wie Relikte aus einer anderen Zeit anmutenden Schattenspiele. Auf den ersten Blick erscheinen sie wie ein Mittelding zwischen Laterne und Weihnachtspyramide.
"Wahrscheinlich waren die damals üblichen Hirtenhäuschen die Vorgänger", sagt Hertwig. Diese Häuschen aus Pappe und Papier waren fein gearbeitet, mit Fenstern und Türen, die einen Blick ins Innere gestatteten. Darin waren kleine Szenerien mit geschnitzten Holzfiguren aufgebaut: Hirten mit ihren Schafen, Frauen und Kinder, Rehe und andere Tiere des Waldes. Das Ganze wurde durch eine kleine Rüb-Öllampe in geheimnisvolles Licht getaucht. In der Weihnachtszeit schmückten die Hirtenhäuschen die Sebnitzer Wohnstuben.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dieser Weihnachtsschmuck aufwendiger und kunstvoller. Statt der geschnitzten Figuren kamen Scherenschnitte in Mode. "Der Betrachter kann sich auch heute kaum der faszinierenden Bewegung entziehen", sagt Hertwig. "Man muss sich aber darauf einlassen wollen", meint der Ruhe ausstrahlende Mann.
Das Sebnitzer Schattenspiel besteht aus einem Gehäuse mit einem kleinen Gerüst aus dünnen Spanholzbrettchen. Dahinein sind kunstvolle Ornamente oder Figuren mit der Laubsäge geschnitten. Im Inneren dreht sich ein kleiner Motor, der alles in Bewegung setzt. Das Licht - früher eine Kerze, heute eine kleine Glühlampe - projiziert die Umrisse der Scherenschnitte an die Wand oder Wohnzimmerdecke.
Die Verwendung von Scherenschnitten hing mit der in Deutschland damals großen Beliebtheit für die kleinen Kunstwerke aus Schere und Papier zusammen. "Schattenbilder sind bereits in den Höhlen der Steinzeitmenschen gefunden worden", erläutert Christa Weber vom Deutschen Scherenschnittverein, der 1995 gegründet wurde. Auch aus der Antike sind Silhouettenmalereien bekannt. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gehörte es zum guten Ton, Porträtsilhouetten anzufertigen. Später entstanden Illustrationen zu Märchen und anderen literarischen Vorlagen. Auch im Alltag - in einer Zeit noch ohne Fotografie - hatte der Scherenschnitt seinen Platz.
Bei dem einheimischen Druckereimitarbeiter Adolf Tannert (1839-1913) bestellten sich die Sebnitzer ihre Scherenschnitte. Sie waren für die Schattenspiele gedacht, wurden aber auch gerahmt übers Sofa in der guten Stube gehängt. "Je nach Geschmack waren es weihnachtliche Motive mit der Geburt Jesu oder auch wenig besinnliche, dafür lustige Szenen aus dem Alltag", sagt Hertwig. Tannert konnte als Meister der Schere alles aus Papier zaubern: betrunkene Kirmesbesucher, aber auch Tagelöhner und herumziehende Schausteller, dazu die feinsten Nadeln einer weiß verschneiten Tanne. Ein begnadeter Künstler.