„Ich habe die Zeit im Sommer genutzt, mich in die vielen Fragestellungen
einzuarbeiten.“
 Stanislaw Tillich,
Ministerpräsident Sachsens


100 Tage nach dem Machtwechsel in Sachsen hält sich die Opposition mit klaren Urteilen zu Tillich noch zurück. „Der neue Mann hatte 50 Tage Sommerpause“, sagt Antje Hermenau, Chefin der Grünen im Landtag, zum „Amtsjubiläum“. Zwischenzeitlich sei er nicht in Erscheinung getreten, sondern habe vielmehr seine Fachminister mit Ankündigungen vorgeschickt. Tillich selbst beschreibt den Start als eine Art Reifeprüfung: „Ich habe die Zeit im Sommer genutzt, mich in die vielen Fragestellungen einzuarbeiten.“
Ende Mai hatte der 49 Jahre alte Tillich die Posten als Partei- und Regierungschef von Georg Milbradt übernommen. Mit dem Wechsel wollte die Union Zeichen für die Zukunft setzen. Denn die Krise um die Landesbank, die nach riskanten Geschäften ihrer Auslandstochter vor dem Aus stand und eilig verkauft werden musste, hinterließ Kratzer am Image Sachsens als Musterland der Finanzen. Auch der Koalitionspartner SPD übte zunehmend Kritik am Landesvater.
Tillich startete schließlich mit Vorschusslorbeeren. Selbst die Gegner im Parlament hofften auf einen Neuanfang. Ob der gelungen ist, vermag auf den Oppositionsbänken noch keiner zu sagen. Aufgaben wie der Doppelhaushalt 2009/2010 stehen erst bevor. Zwar trete Tillich „gediegener, freundlicher und zurückhaltender“ auf als Milbradt, sagt Hermenau. „Mir kommt es aber auf veränderte Politik an.“
Nach 100 Tagen ist Tillich stolz, dass ihm zunächst die Bildung seiner Regierung ohne störende Indiskretionen gelang. Der Entwurf zum Haushalt ist vom CDU/SPD-Kabinett beschlossen, wenngleich nach langem nächtlichen Ringen. Bei der Frage nach einem Datum für die Landtagswahl 2009 liegen sich die Partner allerdings noch in den Haaren. Die CDU will für Landtag und Bundestag getrennte Termine, die SPD beharrt auf einem gemeinsamen Wahltag.
Hermenau vermutet hinter der bisherigen Zurückhaltung des neuen Regierungschefs Kalkül. Tillich habe sich aus der Kampflinie genommen und lasse die Minister testen, „was so alles geht in Sachsen und was nicht, wo die eigene Basis revoltiert und wo die Sachsen Hurra brüllen“. Daraus entstehe dann das CDU-Programm für die Landtagswahl. Nur in einem Punkt habe sich Tillich nicht zurückgehalten – bei „Boulevard-Terminen“ wie unlängst zum Treffen mit Drillings-Patenkindern im Leipziger Zoo. Dann spiele er den „Papa fürs Volk“. „Wenn es nur darum geht, dass Tillich freundlicher zuhört und am Ende genau dasselbe macht wie Milbradt, haben wir nichts gewonnen“, warnt Hermenau.
Auch andere Oppositionsvertreter bleiben skeptisch. „Herr Tillich ist bislang nur ein Ministerpräsident der Ankündigungen, nicht aber der konkreten Taten. Er reist seit Wochen wie ein Grußonkel durchs Land und produziert nette Bilder; den Leuten hat er bei ihren Problemen bislang nicht wirklich geholfen“, sagt der Chef der Linken im Landtag, André Hahn.
„Die ersten 100 Tage Tillichs waren von eitel Sonnenschein und Urlaubsstimmung in Sachsen geprägt – meteorologisch wie politisch. Nach der Sommerpause wird das Klima jetzt rauer werden“, mutmaßt FDP-Fraktionschef Holger Zas trow. Der Fraktionschef vom Koalitionspartner SPD, Martin Dulig, resümiert: „Der Wechsel von Milbradt zu Tillich hat die Blockade überwunden und die Regierungskoalition wieder arbeitsfähig gemacht.“
In der CDU-Fraktion unter Vorsitz von Steffen Flath kommt der neue Stil gleichfalls gut an. Tillich und Flath hätten in sechs Wochen mehr miteinander geredet als Milbradt und Fritz Hähle – langjähriger Chef der CDU-Fraktion – in sechs Jahren, heißt es bei den Christdemokraten.