"Wir haben heute viel gelernt", fasst der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer am Landgericht Cottbus, Frank Schollbach, am Donnerstagnachmittag fünf Stunden Verhandlung zusammen. Zwei Sachverständige für DNA-Spuren hatten vorher ihre Gutachten erstattet und viele Fragen der beiden Verteidiger von Marcel V. beantwortet. Wie das Gericht das Ergebnis bewertet, wird das Urteil zeigen.

Spur am Klebeband

Der angeklagte 31-Jährige soll am ersten Freitag im Jahr 2015 die 70-jährige Frau in ihrer Wohnung gefesselt, durch einen tiefen Schnitt durch den Hals getötet und ausgeraubt haben. Er bestreitet die Tat und schweigt im Prozess. Neben belastenden Zeugenaussagen, die zum Beispiel von regelmäßiger Geldnot, der überraschenden Rückzahlung von Schulden kurz nach der Tat berichteten, spielt auch die Untersuchung von genetischem Material (DNA-Spuren) in dem Verfahren eine wichtige Rolle.

Tim Senger, Biologe am Brandenburger Landeskriminalamt, hat davon zahlreiche Proben vom Körper der Toten und aus ihrer Wohnung untersucht. Der Vortrag seines Gutachtens machte deutlich, dass inzwischen winzigste Mengen biologischen Materials, zum Beispiel einige Hautschuppen von den Händen, ausreichen, um das darin enthaltene Erbmaterial zu charakterisieren.

Doch solche Proben, das wurde auch deutlich, enthalten oft Substanz von mehreren Menschen. Im Fall der toten Rentnerin waren das vor allem ihre eigenen biologischen Spuren, vermischt mit genetischem Material Fremder. Wenn es sich dabei um Männer handelt, können Untersuchungen, die nur das männliche Y-Chromosom betreffen, weiterhelfen.

Solche genetischen Merkmale des Y-Chromosoms, die auf den Angeklagten zutreffen, fand Gutachter Tim Senger am Körper der Toten und an der Innenseite eines doppelten Klebebandes, mit dem ihr Mund verschlossen worden war. Doch diese speziellen männlichen genetischen Merkmale haben einen Haken. Aus ihnen lassen sich nicht so sichere Aussagen herleiten wie aus anderen DNA-Bereichen.

Denn da mischen sich die genetischen Merkmale aus den Chromosomen von Mutter und Vater in unendlicher Vielfalt. Werden solche DNA-Merkmale nachgewiesen, ergibt das eine Wahrscheinlichkeit der Übereinstimmung mit einem mutmaßlichen Täter, die absoluter Sicherheit gleichkommt.

Anders bei den Merkmalen auf dem Y-Chromosom der Männer. Die werden direkt vom Vater zum Sohn vererbt. Deshalb treffen solche Merkmale auf alle lebenden männlichen Blutsverwandten eines Verdächtigen zu. Alle männlichen Verwandten des Angeklagten, von denen Proben untersucht wurden, stimmten in diesen Merkmalen auch prompt überein.

Spezielle Datenbank

Doch wie viele andere, nicht mit dem Angeklagten verwandte Männer in Deutschland würden ebensolche Y-Merkmale aufweisen wie in der Spur am Klebeband vom Tatort? Dazu erstattete Professor Lutz Roewer, ein Spezialist vom gerichtsmedizinischen Institut der Charité in Berlin, ein Gutachten.

Er beschäftigt sich seit Jahren mit der forensischen Nutzbarkeit der Y-spezifischen DNA-Merkmale und hat dazu mit Kollegen aus aller Welt eine Datenbank aufgebaut, die regelmäßig aktualisiert wird.

Aus diesen Daten ließen sich, so Roewer, auch Wahrscheinlichkeiten mathematisch berechnen. Doch die bezögen sich, anders als bei dem üblichen DNA-Test, nicht auf die mögliche Übereinstimmung mit einer einzelnen Person, sondern auf eine ganze Gruppe männlicher Verwandter. Sein Ergebnis für die Spur am Klebeband: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:48 000 stamme der Verursacher bezogen auf das regionale Umfeld aus der Familie des Angeklagten. Dass eine andere Gruppe männlicher Verwandter dafür in Frage komme, sei nicht auszuschließen, aber "relativ unwahrscheinlich".

Verteidiger Sven Lindemann sieht den Angeklagten damit eher entlastet. Andere Gerichte würden nach dieser Beweisaufnahme darüber nachdenken, ob sein Mandant noch länger in Untersuchungshaft bleiben soll, sagt er zum Ende der Verhandlung in Richtung des Vorsitzenden Richters. Der lässt die Bemerkung unkommentiert.

Der Prozess wird am kommenden Donnerstag fortgesetzt.