Vier Jahre dauerte das Verfahren schon, ein in der Geschichte der internationalen Justiz beispielloses Bemühen, das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht nur politisch zu überwinden, sondern die Täter auch zu bestrafen. Aus juristischer Sicht muss der Mann, der als Präsident Jugoslawiens die Unabhängigkeitsbestrebungen seiner Untertanen mit Gewalt zu unterdrücken suchte, ohne Urteil als unschuldig gelten.
Mehr noch: Die Dritte Kammer des Gerichts mit dem Vorsitzenden Richter Patrick Robinson aus Jamaika und seinen Beisitzern O-Gon Kwon (Südkorea) und Iain Bonomy (Großbritannien) sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Milosevics Bruder machte von Moskau aus das Gericht für den Tod verantwortlich. Er dürfte damit für die zahlreichen Anhänger sprechen, die der Ex-Präsident immer noch hat. Mehr als 20 Mal war die im Februar 2002 begonnene Verhandlung wegen Erkrankung des Angeklagten unterbrochen worden. Zuletzt machten sich sogar seine britischen Pflichtverteidiger, die er ablehnte, für eine Klinikbehandlung in Moskau stark. Doch die Richter sagten Nein - sie glaubten den Zusagen nicht, dass der gewiefte Taktiker freiwillig ins Gefängnis zurückkehren würde.

Kriegstreiber waren die anderen
Milosevic hat das 1993 von den Vereinten Nationen eingesetzte Tribunal nie als rechtmäßig anerkannt. Er verteidigte sich selbst und scherte sich nicht um prozessuale Vorschriften. Stets mürrisch beklagte er sich über angebliche Benachteiligungen, nutzte seine Auftritte häufig zu politischen Tiraden. Seine Botschaft: Er tat als Präsident seine verfassungsgemäße Pflicht, um die Einheit seines Landes zu bewahren. Die Kriegstreiber, das waren aus seiner Sicht die abtrünnigen Kroaten, Slowenen, Bosnier, Mazedonier, die Kosovo-Albaner - vor allem aber die Nato, die 1999 mit ihren von den UN nicht autorisierten Luftangriffen dem mörderischen Treiben ein Ende bereitete.
Der schwerste Vorwurf der Anklage war der des Völkermordes, begangen an bosnischen Muslimen im Massaker von Srebrenica 1995. Dass die brutale Ermordung von mehr als 7000 männlichen Kindern, Erwachsenen und Greisen Völkermord war, hat das Gericht in seinem Urteil gegen den Srebrenica-Eroberer Radislav Krstic festgestellt. Doch dieser wurde nur wegen Beihilfe verurteilt - noch gibt es kein rechtskräftiges Urteil des Tribunals wegen Völkermords.
Wer bleibt nun verantwortlich? Zwei der schlimmsten Kriegshetzer von damals, der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic und sein General Ratko Mladic, sind immer noch untergetaucht. Trotz allen Drängens der UN-Chefanklägerin Carla Del Ponte scheint niemand es zu wagen, diese beiden anzutasten. Aber die Zeit drängt. Bis 2010, so wünschen es die Geld gebenden Mitglieder der Vereinten Nationen, soll das Tribunal seine Arbeit beenden. Ohne ein rechtskräftiges Urteil gegen die wichtigsten Drahtzieher der Balkankriege könnte der Eindruck zurückbleiben, die internationale Gemeinschaft habe die Großen davonkommen lassen und sich an den Kleineren schadlos gehalten.

Chronologie Aufstieg und Fall Milosevis
 Noch 1995 war Slobodan Milosevic als mächtigster Mann Jugoslawiens ein international akzeptierter Gesprächspartner. Im Februar 2002 begann nach seiner Auslieferung der Prozess gegen ihn vor dem UN-Tribunal in Den Haag:
21. November 1995: Milosevic stimmt in Dayton (US-Bundesstaat Ohio) einem Friedensvertrag für Bosnien-Herzegowina zu.
17. November 1996: Bei den Kommunalwahlen in Serbien siegt die Opposition in den meisten größeren Städten. Als Milosevic Anfang 1997 auf Druck der OSZE einlenkt, zerbricht das Oppositionsbündnis.
15. Juli 1997: Milosevic lässt sich zum Präsidenten ganz Jugoslawiens wählen, weil eine weitere Amtszeit an der Spitze Serbiens unzulässig ist.
28. Mai 1998: In der Provinz Kosovo, der 1990 die Selbstverwaltung genommen wurde, kommt es vermehrt zu tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Albanern und der serbischen Polizei.
24. März 1999: Die NATO beginnt nach gescheiterten Verhandlungen mit 79 Tage dauernden Luftangriffen gegen Serbien. Anfang Juni lenkt Milosevic ein und stimmt einem Friedensplan für das Kosovo zu.
27. Mai 1999: Noch während der NATO-Operation Alliierte Kraft wird Milosevic als Kriegsverbrecher vom UN-Tribunal angeklagt.
24. September 2000: Milosevic verliert die Präsidenten-Wahl und will den Sieg von Vojislav Kostunica nicht anerkennen. Straßenproteste beenden die Ära Milosevic.
01. April 2001: Milosevic wird in seinem Haus unter dem Vorwurf des Machtmissbrauchs festgenommen und in ein Belgrader Gefängnis eingeliefert.
Am 28. Juni 2001: Der serbische Premier Zoran Djindjic lässt ihn an das Haager Tribunal überstellen.
Am 12. Februar 2002 beginnt die mündliche Verhandlung vor dem Tribunal. Milosevic ist wegen Völkermords angeklagt, er verteidigt sich selbst.
Am 24. Februar 2006 lehnt das UN-Tribunal einen Antrag der Milosevic-Verteidiger ab, den mittlerweile 64-Jährigen in einer Moskauer Spezialklinik behandeln zu lassen. Milosevic leidet seit langem unter hohem Blutdruck und klagt über heftige Kopfschmerzen und Druck in den Ohren.
Am 11. März 2006 wird Milosevic leblos auf dem Bett in seiner Zelle im UN-Gefängnis aufgefunden.