Nach acht Stunden Sondierungsverhandlungen bis in die Nacht zum Dienstag wussten die Spitzenpolitiker von Union und SPD immerhin, wo jede Seite steht. Nämlich da, wo sie vorher auch schon war. Keinen Millimeter bewegten sich die Parteien aufeinander zu, im Gegenteil, es hakte, und es wurde sogar laut.

"Acht Stunden sind anstrengend", befand CSU-Chef Horst Seehofer gegen Mitternacht. Ob sich der "Nebel", von dem CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt sprach, heute und morgen lichten wird, hängt vom Verlauf eines anderen Sondierungsgespräches ab, das am Dienstagabend stattfand: zwischen Union und Grünen. Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe war es noch nicht beendet.

"Das ist keine Alibiveranstaltung", sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt zwar vorher, jedoch wurde überwiegend erwartet, dass die Grünen nach dem Treffen erklären würden, dass weitere Gespräche wenig Sinn machen. Dann wäre der Weg frei für Union und SPD, um es doch noch einmal miteinander zu versuchen. Ein dritter Sondierungstermin ist von der Union jedenfalls vorsorglich schon festgehalten. Er soll morgen Nachmittag stattfinden - mit der Partei, die dann noch übrig geblieben ist.

Dass es bei den potenziellen Großkoalitionären am Montagabend bei Kartoffelsalat und Würstchen, aber ohne jedweden Alkohol so schwierig war, hat mit Taktik zu tun. Am kommenden Sonntag soll ein Parteikonvent der SPD entscheiden, ob überhaupt förmliche Koalitionsverhandlungen mit der Union aufgenommen werden. Und der eventuell ausgehandelte Koalitionsvertrag muss dann auch noch per Mitgliederentscheid gebilligt werden.

Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin lästerte schon, die SPD brauche so schwierige Verhandlungen, "um den Weg in die Große Koalition zu finden". Der Eindruck wurde von etlichen CDU-Verhandlern geteilt. Die Sozis hätten Angst vor ihrer Basis, hieß es. Eigentlich sei man sich in vielen Punkten nahe, besonders beim Euro, doch die SPD wolle partout eine Trophäe für ihre Gremien haben, so die Einschätzung. Diese Trophäe soll offenbar der Mindestlohn sein. 8,50 Euro pro Stunde verlangten die Genossen, gesetzlich und flächendeckend. Doch die Union wollte in diesem Stadium noch keine Zugeständnisse machen.

Außerdem war da ja noch die zweite Option mit den Grünen, was die Union den Konflikt locker angehen ließ. Derzeit, so Generalsekretärin Andrea Nahles folgerichtig, könne sie dem kommenden Parteikonvent die Aufnahme förmlicher Koalitionsgespräche noch nicht empfehlen.

Bei der SPD war Gabriel klar Chef im Ring, bei der Union Merkel. Seehofer beobachtete die Szenerie meist und dürfte sich amüsiert haben, weil Gabriel genau wie er Witze auf Kosten anderer machte. Zum Beispiel über Olaf Scholz: "Jetzt kommt mein Kandidat für Pragmatismus."

Meist sachlich ging es zu, hin und her. Alle Themen wurden angesprochen, von der Familienpolitik bis zu den Steuern, von Bildung bis Energiewende. Mehrfach wurde die Sitzung unterbrochen und getrennt beraten. Immer wenn es ums Geld ging, verwiesen die Sozialdemokraten auf Steuererhöhungen, die die Union ausschloss.

Dobrindt und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft gerieten an einem Punkt persönlich aneinander; es wurde laut. Kraft wies darauf hin, dass das Betreuungsgeld unsinnig sei und die dafür aufgebrachte Summe, immerhin über zwei Milliarden Euro, zur Finanzierung von Infrastruktur und Bildung fehle. Dobrindt ging Kraft daraufhin an, sie solle erst einmal ihren Landeshaushalt in Ordnung bringen, dann sei genug Geld da, was wiederum Kraft bei Angela Merkel intervenieren ließ: So könne man keine Gespräche führen. Kraft, so ein CDU-Teilnehmer hinterher, sei deutlich stärker im Austeilen als im Einstecken.