"Es wird ein trauriges Weihnachten werden", ahnt Hana Nasser, der christliche Bürgermeister Bethlehems. "Von einem ,Christfest‘ wollen wir gar nicht reden."
Aus Protest gegen die israelische Besatzung hat Nasser sämtliche Feiern abgesagt. Kein einziger Weihnachtsbaum schmückt den Krippenplatz. Die Lichterketten wurden in diesem Jahr nicht aufgehängt. Die Straßen werden in der Heiligen Nacht dunkel bleiben. Zahllose Straßenlaternen, die israelische Panzer bei ihrem ersten Einmarsch im April zum Teil mutwillig umrissen, konnten nicht repariert werden. "In diesem Jahr singen wir ,Schwarze Nacht, Heilige Nacht‘", kündigt Bürgermeister Nasser mit bitterer Stimme an. "Nie zuvor hat Bethlehem ein schrecklicheres Weihnachten erlebt."

Panzer auf dem Krippenplatz
Seit April stand die kleine Stadt, in der nur noch etwa 10 000 Christen leben, mehr als vier Monate unter israelischer Besatzung. Die schlimmste Zeit erlebte sie nach dem Einmarsch im April, als Soldaten wochenlang die Geburtskirche belagerten, in der sich militante Palästinenser hinter gläubigen Christen verschanzt hatten. Viele neue Gebäude und Hotels wurden bei heftigen Gefechten durch Panzergranaten zerstört. Sechs Wochen nach dem israelischen Rückzug Anfang Mai dann die erneute Besetzung, die dieses Mal zwei Monate dauern sollte. Am 22. November schließlich drangen die Panzer wieder in die Stadt ein. Jedem neuen Einmarsch waren palästinensische Terroranschläge in Israel mit Dutzenden Opfern vorausgegangen.
Seit der letzten Invasion hält die Armee die Stadt in einem eisernen Griff. "Im Gegensatz zu den Erklärungen der Regierung im Ausland haben sich die Soldaten nicht zurückgezogen", betont Bürgermeister Nasser. "Panzer fahren weiter durch die Stadt, auch über den Krippenplatz." Ausgangssperren werden kurzfristig verhängt, bleiben tagelang bestehen. "Doch wer dagegen verstößt, begibt sich in Lebensgefahr", klagt Mitri Raheb, Pastor der Weihnachtskirche, dem die Besatzung einen Riesenstrich durch seine Weihnachtspläne gemacht hat.
"Wir wollten ein neues internationales Konferenz- und Begegnungszentrum einweihen, das wegen der Besetzung nicht fertig wurde." Vor allem aber wollte die Kirche sich um die vielen Armen in der evangelisch-lutherischen Gemeinde kümmern. "Wir wollten in den nächsten Tagen 30 arme Familien besuchen und planten eine große Aktion für Kinder mit Geschenken. Aber das ist jetzt alles nicht möglich."
Unter den Christen Bethlehems ist die Zahl der Armen besonders hoch, die Arbeitslosigkeit überproportional groß. "Bethlehem lebt zu 65 Prozent vom Tourismus und der ist seit Beginn der Intifada vor 27 Monaten tot", sagt Hana Nasser. "96 Prozent des Geschäfts sind aber in christlicher Hand: Hotels, Restaurants, Andenkenläden und natürlich alle Reiseführer." Etwa 1500 Christen aus den drei kleinen Städten Beth-lehem, Beit Sachur und Beit Dschalla haben angesichts der trostlosen Lage ihre Sachen gepackt und sind ausgewandert. Sie wollten kein weiteres Weihnachten in Hoffnungslosigkeit verbringen.

Alle Lichter gelöscht
Doch für viele Christen ist Weihnachten in Bethlehem mehr als ein christliches Fest. "Weihnachten ist ein nationales Fest für alle Palästinenser Beth- lehems", meint die Christin Abir Sansur. Sie fordert einen offenen Boykott und "bürgerlichen Ungehorsam" gegen die verhassten Besatzer. "Wir werden der Welt kein feierndes Bethlehem zeigen." Stattdessen sollten die Menschen zu einer Demonstration auf den Krippenplatz kommen, Protestzelte aufstellen. Zwei Stunden lang sollten alle Lichter der Stadt ausgehen.
Auch Josef Talijeh, der mit seiner Familie in unmittelbarer Nähe des Krippenplatzes lebt, ist strikt gegen alle Feste. Tali-jeh, dessen 16-jähriger Sohn vor einem Jahr auf dem Krippenplatz vor der Geburtskirche von israelischen Soldaten getötet wurde, will nicht einmal zu Hause feiern. "Feste sind etwas für fröhliche Menschen. Wir haben keinen Grund zu feiern. Dieses Jahr gibt es nicht mal einen Kuchen zum Fest. Meine Tochter wünschte sich neue Kleider, aber die können wir uns nicht leisten. Wir werden aus Protest gegen Israel nicht zur Messe gehen, selbst wenn sie die Ausgangssperre aufheben. Wir trauen den Israelis nicht. Wir beten zu Hause."