Die Wellen schlagen hoch in Wetro. Seit durch eine Anfrage der Grünen-Landtagsabgeordneten Eva Jähnigen bekannt geworden war, dass auf der Deponie Wetro bei Puschwitz (Landkreis Bautzen) Bauschutt aus dem im Abriss befindlichen Atomkraftwerk Stade in Niedersachsen abgelagert wurde, befindet sich die gesamte Umgebung in Aufruhr. Dies wurde auch am vergangenen Sonnabend deutlich, als die Betreiberin der Anlage, die PD Industriegesellschaft mbH, zu einer Einwohnerversammlung und anschließend zu einer Besichtigung der Deponie eingeladen hatte.

Wohin mit den Überbleibseln?

"Wir alle waren froh, als beschlossen wurde, die Atomkraftwerke in Deutschland bis 2020 stillzulegen", so Geschäftsführer Jürgen Preiss-Daimler. "Doch natürlich ergibt sich daraus die Frage: Wohin mit den Überbleibseln?" Bei dem auf der Deponie Wetro abgelagerten Bauschutt handele es sich um "nicht radioaktiven Abfall", der zuvor "freigegeben" wurde - also die Bestätigung erhalten habe, keine nennenswerte Strahlung mehr abzugeben. Bei dieser "Freigabe" handelt es sich laut Brigitte Röller von der Landesdirektion Sachsen um einen "Verwaltungsakt, durch den zuvor radioaktive Stoffe nicht mehr als radioaktiv gelten." Voraussetzung dafür ist der Nachweis, dass bestimmte Messwerte nicht überschritten werden. Im Falle der in Wetro abgelagerten Abfälle lägen diese "niedriger als die natürliche Strahlung, die uns überall umgibt." Der freigegebene Abfall könne wie ganz normaler Müll behandelt werden und unterliege nur noch dem allgemeinen Abfall-, nicht jedoch dem Strahlenschutzrecht. Allerdings gebe es Vereinbarungen zwischen den Bundesländern, nach denen "bei Liefermengen von mehr als zehn Tonnen das Einvernehmen der zuständigen Behörden im aufnehmenden Land einzuholen sei."

Die Deponie Wetro hat laut Jürgen Preiss-Daimler bislang 2200 Tonnen Bauschutt aus Kernkraftwerken angenommen. "Da dieser, wenn er hier ankommt, nicht mehr als radioaktiv gilt, sind auch keine Messungen mehr erforderlich", so Brigitte Röller. "Ich würde nie zulassen, dass für Mensch und Tier gefährliche Materialien auf unserer Deponie eingelagert werden", versichert Jürgen Preiss-Daimler.

Bürger wehren sich

Die Beteuerungen stoßen bei den Bürgern aus Wetro und den umliegenden Orten allerdings auf wenig Gegenliebe. So übergab Wolfgang Milhahn, Sprecher der unlängst gegründeten "Bürgerinitiative Wetro", fast 1000 Unterschriften von Bürgern, die sich gegen die Annahme des Atomkraftwerk-Bauschutts wenden. "Niemand kann uns glaubhaft versichern, dass von diesen Stoffen, vielleicht auch längerfristig, nicht doch Gefahren für unsere Gesundheit ausgehen", erklärt er.

Die Diskussion machte deutlich, dass nicht nur der Kraftwerksschutt, sondern auch der Betrieb der Deponie allgemein bei zahlreichen Bürgern aus den umliegenden Orten auf Ablehnung stößt.

Laut Jürgen Preiss-Daimler haben die Erlöse aus dem Deponiebetrieb in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, das benachbarte Feuerfestwerk, das ebenfalls zur PD-Firmengruppe gehört, am Leben zu erhalten. Das Werk, welches 220 Arbeitnehmer beschäftigt, schreibe nach wie vor rote Zahlen. Preiss-Daimler, der sich von der Bürgerinitiative zu Unrecht und persönlich angegriffen sieht, verweist auf die umfangreichen Sponsoringaktivitäten, die man möglicherweise überdenken müsse. Gleichzeitig räumt er aber auch ein, das mit der Annahme des Bauschutts aus Atomkraftwerken verbundene Konfliktpotenzial unterschätzt zu haben und kündigt an, "mit den Vertragspartnern über die weitere Einhaltung der eingegangenen Verpflichtungen zu reden. Ich werde alles für eine zufriedenstellende und friedliche Lösung tun." Auch der sächsische Umweltminister Frank Kupfer (CDU) hat sich unlängst dafür ausgesprochen, "den Bauschutt dort auf Deponien abzulagern, wo er anfällt." Die Annahme in anderen Bundesländern sei "in Ausnahmefällen hinnehmbar, darf aber keinesfalls zur Standardlösung werden", so Kupfer.

Schuttannahme stoppen?

Die PD Industriegesellschaft mbH als Betreiberin der Deponie Wetro will jetzt allerding prüfen, ob sie aus der Annahme von Bauschutt aus abgerissenen Atomkraftwerken aussteigen kann. Dies kündigte Geschäftsführer Jürgen Preiss-Daimler auf der Einwohnerversammlung am Sonnabend an. Gleichzeitig bekräftigte er noch einmal, dass alles "nach Recht und Gesetz abgelaufen" sei und er sich nichts vorzuwerfen habe.

Zum Thema:
Die Deponie Wetro besteht aus dem "Ostfeld", das komplett verfüllt wurde und sich derzeit in der Renaturierung befindet, und dem westlich daran anschließenden "Puschwitzer Feld." Letzteres umfasst eine Fläche von knapp 24 Hektar und wurde 2009 von der damaligen Landesdirektion Dresden als "Deponie für gefährliche Stoffe" genehmigt. Das "Puschwitzer Feld" befindet sich im Restloch eines früheren Tontagebaus und hat eine Kapazität von circa sechs Millionen Kubikmetern. Laut Betreiber können hier "mehr als 400 Abfallarten" entsorgt werden.