Ausgelassene Stimmung bis spät in die Nacht bei der Aufzeichnung der ORB-Fernsehgala.Es scheint, ein unsichtbarer Dramatiker habe versucht, ein einziges Thema zweimal zu verarbeiten. Ein Stoff für zwei Stücke. Eine Geschichte doppelt in den Weltenlauf geworfen: als Tragödie und als Komödie. Zwei Deutungen ein und derselben Wirklichkeit. Weinkrämpfe und Lachsalven, einander übertönend: Während in München Tausende am Samstag durch die Straßen ziehen, um gegen die Kriegspläne der USA zu demons-trieren, lachen sich die Lausitzer Narren eins ins Fäustchen.
300 Akteure sind gekommen vom legendären Gaglower Blümchen, den Schwärzefüße aus Eberswalde, den Männerballetts aus Meyenburg, Cottbus und Werder bis hin zur Großen Funkengarde und Tanzmariechen Julia Jungnickel vom Großräschener Karnevalsverein. Es wird geschunkelt, gesungen, gelacht. Es herrschen „absolute Fröhlichkeit, uneingeschränkte Kussfreiheit und standhafte Trinkfestigkeit“ . Der Anordnung seiner Totalität Andreas I., dem Prinz Karneval der Lausitz, ist schließlich Folge zu leisten.
Selbst Brandenburgs Deichgraf und Landesvater Matthias Platzeck übt sich da in einem Spagat. „Was hier zum Ausdruck gebracht wird, ist der Wunsch nach einer friedlichen Welt“ , sucht er eine Verbindung zwischen großer Politik und Lausitzer Frohsinn. Bei seinem Vorgänger, dem jetzigen Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe, der sich ebenfalls die rheinische Narrenkappe aufgesetzt hat, schlagen noch deutlicher ach zwei Herzen in der Brust.
„Das ist nur durch meine Treue zur Lausitz zu machen, zu einer Schickimicki-Veranstaltung in Berlin wäre ich heute nicht gegangen“ , erklärt Stolpe, während sich die Sorgenfalten auf seiner Stirn runzeln. Und auch die Cottbuser Oberbürgermeisterin Karin, „die uns manchmal ein Rätzel aufgibt“ , wie das Gaglower Blümchen Wilfried Hillebrand einwirft, hat „im Hintergrund ein beklemmendes Gefühl“ . „Diese paar Stunden“ , sagt sie, „sind für viele, die hier sind, ein Ausblenden der Realität.“
Ausgeblendet wird auf der Bühne tatsächlich: Kein einziges Wort über Texas-Boy George Dabbeljuh Bush. Der Außenpolitik hält keiner den Narren-Spiegel vor. Antworten gäbe der ohnehin wohl nicht. Denn Erna vom Beelitzer Carnevalclub hat’s ja versucht, zumindest mit der Frage nach der Schönsten im ganzen Land. Und was sagte da der Spiegel: „Du musst ein Stück zur Seite gehen, du bist so dick, ich kann nichts sehen.“
Zu sehen gibt’s für das Narrenvolk nämlich eine Menge. Elvis- Imitatoren vom Karnevalclub Werder, die ihre Hüften kreisen lassen. Die Funkengarde vom Bad Muskauer Karnevalclub, die wie Michael Jackson in seinem „Thriller“ aus dem Nebel auftaucht. Oder den „Lord of the Dance“ , den die Kolkwitzer Garde auf der Bühne hinlegt. Und natürlich immer wieder springende und tanzende Funkenmariechen, dass der Chef des brandenburgischen Landessportbunds Edwin Zimmermann seine helle Freude hat. Ja, der Edwin kennt sich ja aus mit Purzelbäumen – auch in der Politik.
Dazu hat der Stammtisch des Eberswalder Karnevalvereins natürlich so seine eigene Meinung. Den Reichstag hat er schon umbenannt, „der wird jetzt Pappnasenanstalt genannt.“ Und das Duo fordert auch „ganz unverhohlen: Wir wollen als Kanzler Dieter Bohlen. Sein Wahlspruch wär’ ein Meisterstück: Poppen für die Republik.“ Wie hatten Nora und Patrick vom Freienwalder Karnevalsverein kurz zuvor noch so treffend gesagt: „Pubertät ist, wenn die Alten komisch werden.“
Scharfzüngig sind die Büttenreden an diesem Abend nicht. Die wirklich bissige Satire, wie sie in den siebziger und achtziger Jahren im Weißwasseraner Volkshaus, im Elbe-Elster-Land, oder im Heizungskeller des Cottbuser Bildungszentrums mit frechen feinsinnigen Sprüchen den Alltag in der DDR aufs Korn nahm, hat offenbar keinen Platz mehr unter Lausitzer Narrenkappen.
Identitätsstiftend ist der Karneval aber nach wie vor allemal. Als die Eberswalder Schwärzefüße singen, „wir werden nie vergessen, wo wir hergekommen sind, hier bei uns im Osten, wird Freundschaft nie was kosten“ , tobt der Saal. Und als Heidi Kaliske ihr „So gemütlich kommen nur wir zusammen“ anstimmt, haken sich alle unter.
„Wir sind völlig unpolitisch“ , erklärt Prinz Günther I. von der Interessengemeinschaft Cottbuser Carneval am Rande. „In unserem Verein geht es nur darum, Spaß zu haben.“ So sehen es offenbar die meisten Karnevalisten, die aus purer Lust an der Freud Monate auf diesen Abend hingearbeitet haben.
Mutter Teresa sagte einmal: „Lachen ist die Musik der Seele.“ Ober-Narr Franz Wolf, Präsident des Bundes deutscher Karnevalisten, gefällt dieser Satz. „Lacht, so viel ihr könnt, sag ich nur, am besten das ganze Kabinett zusammen, denn Lachen befreit!“ , verkündete er kürzlich.
Will heißen: Auch wenn es zu einem zweiten Golfkrieg kommt, wird in Deutschland Karneval gefeiert. Den Krieg gibt’s für Vollblut-Narren wohl frühestens wieder nach Aschermittwoch. Bis dahin sind alle Juxraketen und Konfetti-Bomben verfeuert – vielleicht nach dem Motto: Schunkeln und lachen, bis Saddam aufgibt oder George Dabbeljuh Bush.
Die ARD strahlt die ORB-Fernsehgala am 22. Februar ab 23.35 Uhr aus, der ORB am 2. März ab 20.15 Uhr.