ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 00:00 Uhr

Schulstart ohne Zuckerschlecken

In die Röhre schauen die Abc-Schützen aus bedürftigen Familien. Mit der Einführung des Arbeitslosengeldes II sind einmalige Leistungen wie sie die Sozialhilfe kannte, weggefallen. So gibt es bei Einschulungen weder Zuschuss noch Darlehen.
In die Röhre schauen die Abc-Schützen aus bedürftigen Familien. Mit der Einführung des Arbeitslosengeldes II sind einmalige Leistungen wie sie die Sozialhilfe kannte, weggefallen. So gibt es bei Einschulungen weder Zuschuss noch Darlehen. FOTO: Dietmar Seidel
Mindestens 200 Euro müssen Eltern für den Schulanfang ihres Sprösslings einplanen, schätzt Schulleiterin Marion Rose von der Grundschule Am See in Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz). Annähernd jede zweite Familie in ihrem Einzugsgebiet aber lebt von Arbeitslosengeld (Alg) II und hat Mühe, das Geld für den Schulstart aufzubringen. Von Heidrun Seidel


  „Ich halte das für skandalös und gefühllos, weil diese neue Pauschalisierung von den Armen verlangt, Geld für Sonderausgaben
anzusparen.“
 Professor Dr. Christoph Butterwege, Uni Köln


Einmalige Beihilfen für diesen Zweck, wie noch vor zwei Jahren bei der Sozialhilfe, gibt es bei Hartz IV nicht mehr. So wird der Schulstart trotz Zuckertüte für bedürftige Familie nicht gerade zum Zuckerschlecken.

Anne M.* aus Finsterwalde (Elbe-Elster) ist eine Schulanfängerin, wie sie heute zu Hunderten freudestrahlend durch die Brandenburger Lausitz ziehen. Sie lächelt durch ihre Zahnlücken, die sie als Abc-Schützin ausweisen, und freut sich auf die Zuckertüte ebenso wie darauf, dass sie jetzt bald der Mama helfen und an deren Stelle der zweijährigen Schwester die Geschichten vorlesen kann. Anne ist stolz, dass sie von nun an in die Schule geht. Von den Sorgen ihrer Mutter, die arbeitslos und für zwei Kinder alleinerziehend ist und Mühe hat, das Geld für Schulsachen, Zuckertüte und Feier aufzubringen, versteht sie noch nicht viel. Sandy M.* (26) will, dass ihre Tochter einen guten Start ins Schülerleben hat und mit Freude lernt. „Ich möchte nicht, dass sie gehänselt wird, weil sie vielleicht einen alten gebrauchten Schulranzen trägt. Kinder können da ganz schön hart sein“ , hat sie von Freunden erfahren.
Marion Rose, Schulleiterin in Senftenberg, weiß, dass der Schulalltag für Kinder aus armen Familien oft kein Zuckerschlecken ist. „Obwohl wir als Lehrer versuchen auszugleichen, gibt es doch vereinzelt Kinder, die recht egoistisch erzogen werden und dann die ärmeren durch ihr Verhalten demütigen“ , weiß sie. „Wir suchen nach Möglichkeiten zu helfen, wenn wir spüren, dass den Eltern das Geld fehlt. Das ist allerdings auch schwer, wenn wie in einer Klasse unserer Schule von 16 Kindern zwölf aus Alg-II-Bedarfsgemeinschaften kommen.“ Zwar wird den Familien nach Vorlage ihres Alg-II-Bescheides der Eigenanteil an Büchern erlassen, aber Kosten für Schulmaterial vom Block bis zum Füller und vielem anderen bleiben in allen Schuljahren und steigen sogar. Auf eine ganze Reihe an Unternehmungen verzichte die Schule von vornherein, weil die Lehrer wissen, dass die Eltern das Geld nicht aufbringen können. „Den Theaterbesuch aber wollen wir möglichst beibehalten“ , schiebt sie nach. Das schließlich sei ein Glücksfall für Senftenberger Bildungsarbeit.
Dennoch wirkt sich die Armut nach Ansicht der Schulleiterin auf die Bildungschancen der Kinder aus. Manche Eltern könnten die Defizite nicht selbst ausgleichen, versinken in ihren eigenen Problemen, sagt sie. Lehrer an Schulen in sozialen Brennpunkten seien immer mehr auch Sozialarbeiter. Susann Kuhn, Schulleiterin in der Finsterwalder Grundschule Stadtmitte, kennt allerdings auch engagierte Eltern, die es trotz wenig Geldes ihren Kindern an nichts fehlen lassen. Allerdings versagt sich auch ihre Schule so manches verlockende Angebot für die Schüler, weil es – wie beispielsweise eine Theaterfahrt – mit Kosten verbunden ist, die einige Eltern nicht aufbringen können. Renate Gottwald vom Senftenberger Kinderschutzbund hat beobachtet, dass arme Eltern oft nicht in der Lage sind, ihren Kindern den Sinn des Lernens zu vermitteln. „Sie haben selbst resigniert und sind abgestumpft.“ Immer mehr, so die Ehrenamtliche, brauche man für gute Bildung Geld. „Computer, Bücher, Theaterbesuch, Tierpark, Museen – da kommt einiges zusammen.“
Bundesweit mahnen soziale Initiativen ( www.erwerbslos.de) an: Die Bildungschancen von Kindern dürfen nicht vom Einkommen ihrer Eltern abhängen. Bei den 208 Euro, die Kindern bis 14 Jahren als Alg-II-Regelleistung zugestanden werden, sei Geld für die Schulausbildung nicht vorgesehen. Für Schulbücher, Arbeits- und Schulhefte, Stifte, Turnzeug, Zirkel, Taschenrechner und anderes mehr gebe es keinen Cent. 1,64 Euro monatlich für „Schreibwaren“ werden in der Regelleistung ausgewiesen. „Ein vernünftiger Füller kostet an die zehn Euro“ , sagt Schulleiterin Rose. Ganz zu schweigen davon, dass jene armen Eltern ihren Kindern die in Ratgebern und Fachliteratur angepriesenen ergonomisch richtigen und für die Gesundheit guten Schulranzen, Sportschuhe oder etwa mitwachsende häusliche Arbeitsplätze nicht bieten könnten. „Solche für gutes Lernen wichtigen Anschaffungen wie der eigene Schreibtisch sind in den geschätzten Ausgaben von etwa 200 Euro zum Start gar nicht enthalten.“
Sandy M. hat deshalb beim Jobcenter Elbe-Elster einen Antrag auf Beihilfe gestellt. Der wurde abgelehnt: „Einmalige Leistungen zur Einschulung sieht das SGB II nicht vor.“ Die Finsterwalder Aktionsgruppe gegen soziales Unrecht hat daraufhin in einem offenen Brief an das Job-Center eine Anfrage über die „Gewährung eines rückzahlungsfreien Darlehens“ gestellt. So etwas sieht das Sozialgesetzbuch beispielsweise für die Erstausstattung einer Wohnung vor. Auch das gibt es für Schulanfänger nicht. Für die Einschulung als ein vorhersehbares Ereignis hätte die Mutter nach Ansicht des Gesetzgebers von ihrem Hartz-IV-Einkommen sparen müssen. „Ich halte das für skandalös und gefühllos, weil diese neue Pauschalisierung von den Armen verlangt, Geld für Sonderausgaben anzusparen“ , kritisiert Professor Dr. Christoph Butterwege von der Kölner Uni. Von dem knappen Budget sei Ansparen kaum möglich.
Für die mindestens zwei Millionen Kinder unter 15 Jahren, die derzeit bundesweit von Hartz IV leben, gibt es nur wenig Lichtblicke. In einigen Städten haben die Kommunen einen kleinen Zuschuss zur Einschulung gewährt. In der Lausitz hat lediglich der Kreistag Dahme-Spreewald beschlossen, Abc-Schützen aus bedürftigen Familien auf Antrag 80 Euro zu gewähren. Mit 280 Anträgen habe man den „Zuckertütenfonds“ kalkuliert, so Pressesprecherin Heidrun Schaaf, 143 Zuwendungen sind bis Wochenbeginn bewilligt worden.
In den Kreisen Elbe-Elster, Spree-Neiße, Oberspreewald-Lausitz und der Stadt Cottbus bleibt die kreisliche Zuckertüte leer. Auch die Stadt Hoyerswerda wird ihren fast 1500 Kindern aus Hartz-IV-Haushalten in einer Woche nichts mit an den Start geben können. Sie ist nach Spitzenreiter Görlitz (44,1 Prozent der Kinder unter 15 Jahren leben in Hartz-IV-Familien) und Schwerin (42,5 Prozent) mit 42,4 Prozent an dritter Stelle der unrühmlichen Städte-Liste nicht erwerbsfähiger Hilfsbedürftiger unter 15, die das Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe herausgegeben hat. „Bei so vielen Kindern gibt unser Haushalt solche Zuschüsse nicht her“ , muss Stadt-Pressesprecherin Angela Schäfer gestehen.

*Namen von der Redaktion geändert